Min lütt dörp : Zauberhafter Frühling in Alt Rossewitz

Selbst das Baustellen-Schild ist sehr in die Jahre gekommen.
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Selbst das Baustellen-Schild ist sehr in die Jahre gekommen.

SVZ-Serie „Min lütt Dörp“: In Alt Rossewitz, ein Ortsteil von Laage, leben zwei Menschen

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13. März 2015, 06:00 Uhr

Die feste Straße schlängelt sich durch eine hügelige Landschaft. In leichten Dunst gehüllt taucht linker Hand ein gewaltiger Bau auf und zieht den Blick auf sich: Schloss Rossewitz. Die noch etwas fahle Frühlingssonne unterstreicht den morbiden Charme des barocken Prunkbaus. Erst auf den letzten Metern vor dem Schloss taucht links ein Wohnhaus auf. Hier leben unter einfachsten Bedingungen Angelika (61) Thiem und ihr Sohn Ronny (39) Thiem.

„Ich weiß auch nicht, was mich hier hält“, sagt Ronny Thiem und hebt die Schultern. „Ich bin hier aufgewachsen“, fügt er hinzu. Es sei ein sehr einfaches Leben hier. „Die meisten Leute würden hier nicht wohnen wollen“, denkt der 39-Jährige und meint, dass auch er bald gehen wird. Es gebe keinen Wasseranschluss, benennt Angelika Thiem das größte Problem. Wasser hole man vom Schloss. Eher gleichgültig betrachtet sie den monumentalen Bau. „Früher hat das Schloss viel schlimmer ausgesehen. In den 90er-Jahren wurde richtig investiert. Da war hier richtig was los“, berichtet sei. Nun sei es schon lange wieder sehr ruhig. Angelika Thiem ist es wichtig, dass sie ein paar Tiere halten kann: Hühner, Gänse, einen Hund und sechs Katzen. „Wenn ich nicht mehr kann, muss ich hier weg“, sagt sie und verschwindet wieder in ihrem Haus.


Besichtigung ab Mai wieder möglich


Regelmäßiger Gast im Schloss ist Sigrid Freiheit. In den 1990er-Jahren leitete sie eine ABM-Truppe, die tonnenweise Schutt aus dem Schloss holte. Seither kann sie nicht mehr von Schloss Rossewitz lassen. Ab Mai wird sie wieder sonnabends und sonntags ab 14 Uhr Neugierige einlassen und bei Bedarf durchs Schloss führen. Im ersten Jahr (1999) habe sie 560 Besucher gezählt, heute seien es mehr. „Es sind aber weniger die üblichen Tagesausflügler, sondern mehr wirklich interessierte Menschen“, berichtet die 68-Jährige. Auch Reisegesellschaften würden Station machen. „Es fehlt eine Nutzung für das Schloss“, bedauert Sigrid Freiheit. Das weiß auch Barbara Gaedeke. Man habe schon viel Geld in das Haus gesteckt und deshalb auch nicht die Absicht es wieder zu verkaufen, wie es immer mal wieder in der Gerüchteküche vermutet wird.


Landarbeiterkaten und Schloss geplündert


Peter Stüdemann aus Lissow, der sich seit Jahrzehnten mit der Regionalgeschichte beschäftigt, weiß, dass es neben dem Schloss und den Wirtschaftsgebäuden vier Landarbeiterkaten in Alt Rossewitz gab. Übrigens ist Neu Rossewitz, einst gelegen am Waldrand Richtung Kreisstraße/Bahnhof, längst verschwunden. An der Straße von Recknitz kommend sind links und rechts noch die Reste der Landarbeiterkaten erkennbar: Ziegelsteine, marode Holzbalken und eine Treppe. Wann die Häuser verschwanden, weiß er nicht. Roswitha Gemske aus Liessow kann helfen. Ihre Schwiegermutter müsste die letzte gewesen sein. Sie zog 1974 nach Liessow. Dabei seien die Häuser nicht etwa abgerissen worden. „Sie wurden geplündert. Es gab damals doch kein Baumaterial“, berichtet Roswitha Gemske. Alles, was anderswo wiederverwertet werden konnte, wurde aus- und abgebaut. Der Rest blieb liegen. Die Natur breitete sich darüber aus. Dem Schloss war es übrigens nicht viel anders ergangen. Nach 1945 war es bis unters Dach voller Flüchtlinge. Als diese nach und nach ausgezogen und das Gebäude dem Verfall preisgegeben war, verschwand alles, was nicht niet- und nagelfest war. 2010 beispielsweise freute sich Sigrid Freiheit, als eines Tages eine Platte aus dem Fries, das das Schloss unterhalb der Traufkante umgibt, vor der Tür lag. Jemand hatte das Teilstück auf einem Flohmarkt entdeckt. 

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