Min lütt Dörp : Wohnen auf halber Strecke

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SVZ-Serie „Min lütt Dörp“: Zietlitz hat 31 Einwohner und gehört zur Gemeinde Dobbin-Linstow

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04. August 2015, 04:07 Uhr

Wenn Zietlitz für Matthias Mannsfeld (45) der ideale Wohnort ist, hat das ganz persönliche Gründe. „Zietlitz liegt auf halbem Wege zwischen den Eltern und den Schwiegereltern“, erklärt er die Entscheidung für das 31 Einwohner zählende Dorf, das zur Gemeinde Dobbin-Linstow gehört. Es ist ein ruhiges Dorf. In gut einem Kilometer Entfernung wird Kies abgebaut. Groß ist die Sorge derzeit, dass künftig auch Windkraftanlagen den Horizont bepflastern. Vehement stemmen sich die Zietlitzer dagegen.

„Das wäre noch der Supergau“, schimpft Matthias Mannsfeld. Ruhe und Weite sprachen für Zietlitz, als sich die Familie 2001 entschied aufs Dorf zu ziehen, erzählt der ehemalige Krakower. „Wir brauchen den Platz um uns herum“, sagt der 45-Jährige, der als Pfleger in einem Heim im Luftkurort arbeitet. Zwei Autos benötige man auf dem Dorf. Die drei Kinder müssten stets gefahren werden. Das sei oft ein ganz schöner Aufwand. Dem sei man sich aber von vorn herein bewusst gewesen. „Ich habe hier meine Freiheit“, betont Matthias Mannsfeld. Dafür nehme er einiges in Kauf. Auf dem Hof leben Hühner, Enten und Gänse. Das Dorf, so denkt der Zietlitzer, könnte schöner aussehen. Irgendwie fühle man sich in Zietlitz ein bisschen vergessen, nicht so eingebunden in die Gemeinde. Für die Sauberkeit im Dorf müsste mehr getan werden. Er selbst mähe schon Gemeindeflächen, damit dies überhaupt geschehe. „Viele hier sind ohne Arbeit“, sagt Matthias Mannsfeld und bedauert einen Niedergang des Dorfes. „Mehr oder weniger tote Hose“, fasst er zusammen.


Landwirtschaft bestimmte Dorfleben


Früher bestimmte die Landwirtschaft das Dorf. Otto Wisk (72) erinnert sich an Schweineställe, den Schafstall, eine Geflügelzucht. Zuletzt gab es noch eine Heimstatt für behinderte Kinder im Gutshaus, fügt Rosemarie Wisk (65) hinzu. Das Ehepaar war 1970 nach Zietlitz gekommen, wohnte die ersten Jahre im Neubau und kaufte dann ein Haus. „Gearbeitet haben wir in Groß Bäbelin, mein Mann im Kuhstall und ich im Konsum“, berichtet die 65-Jährige. Einen kleinen Dorfladen gibt es immer noch im Hause Wisk. „Wenn ich da bin, ist geöffnet“, sagt Rosemarie Wisk. Lange Weile kommt bei Wisks nicht auf. „Wir haben Hühner, Enten, Kaninchen, Hund und Katze, einen großen Garten voller Obst und Gemüse“, berichtet die 65-Jährige. Es sei viel Arbeite, aber sie würden es nicht anders kennen. Vier Kinder, neun Enkel und zwei Urenkel leben heute irgendwo in Deutschland, würden aber immer gern nach Hause kommen. „Wir sind Familienmenschen“, sagt Rosemarie Wisk.


Zusammenhalt im Dorf geht verloren


Otto Wisk bedauert, dass der Zusammenhalt im Dorf verloren gegangen sei. „Früher kannte man jeden. Heute ist nicht mehr viel mehr als guten Tag, guten Weg. Was haben wir früher im Dorf gemeinsam gefeiert…“, erinnert sich der heute 72-Jährige. Der Rentner arbeitet nebenbei noch ein bisschen im Van-der-Valk-Resort in Linstow. „Er braucht das. Nur zu Hause würde er es nicht aushalten“, sagt seine Frau. „Den ganzen Tag am Gartentor stehen und gucken, wer kommt und wer geht. Das ist nichts für mich“, erklärt Otto Wisk. Und mit der Angelei habe er auch noch ein wunderbares Hobby. Erst am vergangenen Sonnabend hatte der Anglerverein zum Paarangeln eingeladen. Selbstverständlich waren Rosemarie und Otto Wisk dabei. „Bei solchen Gelegenheiten kümmern wir uns um die Versorgung“, erzählt die 65-Jährige.

Um Urlauber kümmern sich Susanne (54) und Andreas (59) Libor. Sie kamen vor einigen Jahren vom Bodensee nach Mecklenburg. „Wir träumten beide von einer kleinen Pension, die wir selbst betreiben wollten“, erzählt Andreas Libor. So etwas in Bodensee-Nähe zu finden, erwies sich als aussichtslos. Zwischen Ostsee und Seenplatte erschien Zietlitz ideal. Beide waren bereits im Tourismusbereich tätig. Einen kleinen Reiseveranstalter für Familienreisen betreibt der 59-Jährige noch heute. Insgesamt aber habe man etwas ruhiger treten wollen. Dazu passe das Motto, das man für die Pension gewählt habe: Nehmen sie sich eine Auszeit. „Unter den Gästen sind viele Berliner und Hamburger, die sich tatsächlich für drei, vier Tage eine Auszeit gönnen“, berichtet Andreas Libor.


Winter sehr lang und einsam


Allerdings, so gesteht er, scheine die Sonne nicht unablässig über Zietlitz. Man sei sich nicht bewusst gewesen, welche Verkehrsbelastung vom Kieswerk zwischen Zietlitz und Groß Bäbelin ausgeht. Die Gläser im Schrank hätten bei jedem vorbeifahrenden Kieslaster gescheppert. Mit der erneuerten Straße sei eine deutliche Beruhigung eingetreten, ist Andreas Libor froh. Jetzt sei es dafür die mögliche Ausweisung von Eignungsgebieten für Windkraftanlagen, die den Interessen des Touristikers entgegen stehen. „Wir haben uns wegen der Ruhe und der Weite, dem Blick in die Landschaft, für Zietlitz entschieden“, erklärt der 59-Jährige, der sich deshalb jetzt der Interessengemeinschaft „Freier Horizont“ angeschlossen hat. „Wir sind nicht generell gegen Windenergie, wohl aber gegen die unkontrollierte Ausweitung“, betont Andreas Libor. Abstandsgrenzen müssten vergrößert werden. Ein Auge sollte man auf mögliche gesundheitsschädliche Auswirkungen haben, meint der Zietlitzer, der einräumt, dass es für den Süddeutschen nicht ganz einfach gewesen wäre unter Mecklenburgern Fuß zu fassen. Inzwischen aber kenne er jeden im Dorf. Auch er bedauert, dass es nicht wirklich eine Dorfgemeinschaft gebe. Und: Die Winter seien sehr lang und einsam. „Dann flüchten wir schon mal nach Hamburg oder Berlin, um ein bisschen Trubel zu haben“, erzählt Andreas Libor. 

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