BEgehrtes STück : Wo Barlach sein Marzipan versteckte

Der Güstrower Kurt Klaus liebt seinen Biedermeier-Kleiderschrank. Das gute Stück stand vor 100 Jahren in der Güstrower Wohnung des berühmten Bildhauers Ernst Barlach.
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Der Güstrower Kurt Klaus liebt seinen Biedermeier-Kleiderschrank. Das gute Stück stand vor 100 Jahren in der Güstrower Wohnung des berühmten Bildhauers Ernst Barlach.

Im Schlafzimmer des Güstrowers Kurt Klaus steht ein Biedermeier-Schrank, der einst dem großen Bildhauer Ernst Barlach gehörte

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23. Juli 2015, 06:00 Uhr

Im Schlafzimmer von Kurt Klaus hängen die Hemden sauber geordnet in einem Schrank. Nichts ungewöhnliches. Dass dieser Schrank alt ist, bemerkt man auf den ersten Blick. „Ein wunderschönes Stück. Klassisches norddeutsches Biedermeier von 1830 – wie Sammler es lieben“, schwärmt der Güstrower Kunst- und Antikhändler. Es handele sich um einen „Blender“, der zwar vorgebe ein Sekretär zu sein, eigentlich aber nur ein Wäsche- und Kleiderschrank sei. Und so nutzt ihn Kurt Klaus auch, ganz praktisch. Doch was da in seinem Schlafzimmer steht ist ein Stück Kunstgeschichte. Denn der Schrank gehörte einst Ernst Barlach (1870 bis 1938) und stand in der Güstrower Wohnung des großen Bildhauers.


Schrank passte in Beuteschema


Kurt Klaus, ein großer Biedermeier-Liebhaber, der alte Möbel restauriert, erwarb das gute Stück Anfang der 1980er-Jahre von einer Güstrowerin in der Mühlenstraße. „Als sie den Schrank verkaufte, sagte sie: ,Passen Sie gut darauf auf, der ist von Ernst Barlach’“, erzählt Kurt. „Das war mir damals eigentlich egal. Ich wollte den Schrank unbedingt, weil er in mein Beuteschema passte.“ Lange passierte nichts, bis Klaus 1994 einen Antikhandel in Lübeck eröffnete. Dort kam eines Tages Friedrich Ernst Schult, der Sohn des Nachlassverwalters von Ernst Barlach, in seinen Laden. „Wir unterhielten uns. Nebenbei habe ich erwähnt, dass ich da so einen Schrank von Barlach habe“, sagt Klaus. Eine Woche später war Schult wieder da. Er hatte Klaus Barlach, Sohn von Ernst Barlach, kontaktiert, der unbedingt ein Foto von dem Möbelstück haben wollte. Klaus Barlach erkannte es aus seiner Jugend in Güstrow wieder und wollte es gerne haben. Und er erzählte Kurt noch eine Anekdote: Sein Vater Ernst Barlach habe in diesem Schrank immer sein Marzipan versteckt. Der Sohn habe sich dort immer Marzipan stibitzt. Einmal habe er sogar so viel gegessen, dass er eine Marzipan-Vergiftung bekommen habe.

Doch Kurt wollte seinen Lieblingsschrank überhaupt nicht verkaufen. „Kurze Zeit später ist Klaus Barlach dann gestorben. Und auch Friedrich Ernst Schult. Da dachte ich mir, dann steht der Schrank auch weiter gut in meinem Schlafzimmer“, erzählt Klaus. Auch die Güstrower Ernst-Barlach-Stiftung hatte von dem Schrank Wind gekriegt und kontaktierte Klaus, der vor acht Jahren seinen Antikhandel in der Güstrower Domstraße eröffnete. „Der Geschäftsführer Volker Probst rief bei mir an und wollte den Schrank gerne sehen und Fotos haben“, sagt Kurt. Natürlich war die Barlachstiftung an dem Stück interessiert, denn Originalmöbel von Barlach sind rar. Und immerhin gehört Ernst Barlach zu den wohl bedeutendsten deutschen Expressionisten. Seit 1910 lebte und arbeitete Barlach in Güstrow. Sein bekannter „Schwebender“ im Güstrower Dom gehört zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Barlachstadt.


Unberührt für Nachwelt erhalten


Den Preis für den Biedermeier-Schrank vermag sogar Antikhändler Klaus Kurt nur schwer einzuschätzen. „Er hat durch die Geschichte und dadurch, dass er Barlach gehörte, einen historischen Wert. Aber ich gebe ihn nicht her.“ Er hat das gute Stück nicht aufgearbeitet, sondern im Originalzustand belassen. „Ich will ihn unberührt für die Nachwelt erhalten“, sagt Klaus. „Ich lebe gut mit dem Schrank. Was später passiert, weiß ich nicht. Vielleicht gebe ich das Stück ja mal als Dauerleihgabe ab“, denkt er laut nach.  

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