Prozess : Wert der gestohlenen Glocke ohne Belang?

Prozess um gestohlene Friedhofsglocke von Groß Ridsenow: Angeklagte äußern sich weiter nicht zur Sache

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17. März 2014, 18:00 Uhr

Wenig Erhellung in den Glockendiebstahl von Groß Ridsenow brachte die Fortsetzung der Hauptverhandlung. Gestern wurden beim Amtsgericht Güstrow weitere Zeugen gehört und persönliche Angaben der Angeklagten aufgenommen.

Ein Polizeibeamter hatte einen der Angeklagten an einem möglichen Tag des Diebstahls, am 16. Oktober 2012, bei einer Pkw-Fahrt in der Umgebung von Laage gesehen und diesen, der nicht im Besitz eines Führerscheins ist, gestoppt. Der flüchtete, sei von dem Beamten jedoch zweifelsfrei erkannt worden.

Dies gelang dem Mitarbeiter des Rostocker Schrotthändlers, bei dem die Glocke abgegeben und zerstört worden war, nicht. An keines der vier Gesichter auf der Anklagebank konnte er sich gestern erinnern. Die Herkunft der angelieferten Gegenstände zu erfragen sei nicht seine Aufgabe. „Da wundert man sich öfters“, sagte der Zeuge auf die Frage, ob ihm das in dieser Größe einmalige Exemplar nicht komisch vorgekommen sei.

Den ideellen Wert des mittelalterlichen Bronzegusses stellte der Sachverständige gestern noch einmal als „extrem“ heraus. Dass die Glocke bei der Anlieferung Risse gehabt hätte, was der Händler behauptet, hält er für sehr unwahrscheinlich. Und wenn, dann hätte sich das reparieren lassen können. Schon gar nicht sei glaubhaft, dass das Stück mit ein, zwei Hammerschlägen angeblich so einfach zerfallen sein soll. Der Mann aus Hamm hatte die Glocke erst sechs Wochen vor dem Diebstahl untersucht und keine relevanten Schäden festgestellt.

Wohl nicht wissen konnte der Mitarbeiter beim Schrotthandel jedenfalls von dem umfangreichen Vorstrafenregister der Angeklagten. Zwei Eintragungen waren noch das Mindeste, acht, ein Dutzend und gar 16 las der Richter aus dem Bundeszentralregister vor. Für Delikte wie Raub, Diebstahl, Körperverletzung, Verkehrsverstöße, Hehlerei, Sachbeschädigung u.a. standen die aus der Laager Umgebung stammenden Angeklagten im Alter von 22 bis 30 Jahren – alle mit Schulabschluss maximal 9. Klasse, alle arbeitslos und bei Gericht verschuldet – schon vor dem Kadi und waren bei zahlreichen Verfahrenseinstellungen mit Geld-, Haft- und Bewährungsstrafen belangt worden. Nichtsdestotrotz stellte der Bewährungshelfer zweien von ihnen eine günstige Sozialprognose.

Zur Sache sagten die Angeklagten, von denen zwei kurzzeitig mal Sozialstunden im Günbereich für die Kirchgemeinde Laage abgeleistet hatten, gestern wieder nichts. Bilder der Überwachungskamera beim Schrotthändler zeigten mehrere von ihnen auf dem Hof des Schrotthändlers während der Übergabe der Glocke. Dies belegt auch die Unterschrift von Marcel W. auf der Quittung für ausgezahlte 1637,85 Euro. Dennoch kündigte Rechtsanwalt Löckner, der Denny K. vertritt, schon jetzt an, auf Freispruch zu plädieren. Er habe bei seinem Mandanten einen „rein beobachtenden Faktor“ wahrgenommen, was er auch bei Mitangeklagten nicht anders sehe. Und man könne doch niemanden verurteilen, nur weil er bei der Abgabe des Stückes beim Schrotthändler dabei gewesen sei. Der Wert der Glocke jedenfalls könne „nicht von Belang“ sein bei der Beurteilung von Schuld oder Unschuld der Angeklagten, meint der Anwalt. Löckners Unterstellung, das Gericht stehe in diesem Fall unter einem besonderen „Druck der Öffentlichkeit“, wies Richter Björn Kröhnert zurück.

Die Hauptverhandlung wird kommenden Montag fortgesetzt. Dann sollen weitere Zeugen gehört werden.


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