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Gastkolumne Pastor Dr. Mitchell Grell : Wenn man Gottes Sieg über den eigenen Tod feiert

vom
Aus der Redaktion des Güstrower Anzeiger

Gastkolumne vom Güstrower Pastor Dr. Mitchell Grell zum Osterfest

In meiner Kindheit und Jugend lief jedes Jahr in der Karwoche im US-Fernsehen ein kolossaler Film, der ähnlich wie hier die Fußballweltmeisterschaft die Straßen leer fegte. Alle eilten zum Fernsehen, um „The Greatest Story Ever Told“, also „Die Größte Geschichte aller Zeiten“ zu sehen. In diesem Film wurde das Leben Jesu gezeigt. Alles, was damals in Hollywood Rang und Namen hatte – etwa Charlton Heston (Johannes der Täufer), John Wayne (Hauptmann), Pat Boone (Engel), drängte sich vor die Kamera, und wir drängten uns vor den Fernseher.

Seit der Erstausstrahlung sah Jesus für mich wie Max von Sydow aus. Jesus sprach auch Englisch und zwar mit einem schwedischen Akzent. Wir waren nun dabei, als Jesus die Bergpredigt hielt oder als er ans Kreuz genagelt wurde, und auch wir gingen mit den Frauen an jenem ersten Ostermorgen zum Grab, wo wir erfuhren, dass Jesus von den Toten auferstanden sei. Und als zum Schluss das Orchester die letzten Takte von Händels „Halleluja“ spielte, sagten wir gerührt und erbaut und wie mit einer Stimme: „Ja, das ist tatsächlich die größte Geschichte, die je erzählt wurde!“

Jahre später bestellte ich diesen Film als DVD, um ihn meinen Konfirmanden auf Poel zu zeigen. Ich dachte, „Was für mich gut war, wird auch für sie gut sein“. Ich war jetzt aber enttäuscht. Es wirkte alles sehr langatmig und triefend pathetisch. Ich merkte: Der Film zielt nicht auf die Menschen, die Jesus aufsuchte, also nicht auf Menschen, die Gott fern sind, sondern er zielt auf die, die schon tiefgläubig sind und nur ihre Frömmigkeit bestätigt haben wollen.

Die Szenen, in denen Wunder oder Gewalt dargestellt wurden, waren mir regelrecht peinlich. Die Jugend von heute wird von solchen Filmszenen eher zum Lachen als zum Schaudern gebracht! Gerade der Höhepunkt des Films, die Auferstehungsszene war mir peinlich, und jetzt nach Theologiestudium, nach vielen Jahren Dienst in einer entkirchlichten Umgebung, nach einigen schweren Fällen der Seelsorge, nach eigenem Ringen mit Gott stellte ich fest: Die Auferstehung Jesu von den Toten lässt sich nur schwer, vielleicht gar nicht darstellen.

Kehrt man zu den biblischen Erzählungen von der Auferstehung Jesu zurück, da merkt man, wie eigenartig sie davon erzählen. Sie verkündigen Jesu Auferstehung von den Toten als ein Geheimnis. Hier ist etwas geschehen, womit wir Menschen nicht fertig werden. Am Karfreitag sind wir Menschen mit Jesus fertig geworden, aber mit dem, was im Morgengrauen des ersten Ostertags geschehen ist, werden wir nie fertig werden.

Wie will man ja diese Liebe, die ein für alle Mal siegt, in einem Film oder in einem Gemälde oder mit einer Plastik darstellen? Hier ist etwas geschehen, was wir auch nicht wie einen Bericht aus den Nachrichten einkapseln können, um dann wieder zum normalen Tagesgeschäft überzugehen. Und dass Jesus lebt, merken wir daran, wenn er heute uns überwindet und wir an ihn glauben, wenn wir auf einmal erkennen, dass das, was am Karfreitag geschehen ist, ein Tod „für mich“ ist, und seinen Ostersieg feiern wir eigentlich erst dann, wenn er uns befreit von dem, was uns den Tod bringt. Ostern feiert also eigentlich der Mensch, der Gottes Sieg über den eigenen Tod feiert, und das ist nicht unbedingt an einen bestimmten Tag im Kalender gebunden.

Pastor Mitchell Grell spielt gut und gerne Schifferklavier. Damit tritt er auch in Pflegeheimen in Güstrow auf und unterhält die Senioren mit deutschen Volksliedern.
  Foto: Jens Griesbach
 

Dr. Mitchell Grell ist Pastor der Güstrower Pfarrkirchengemeinde

 

 

 

 






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