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Flüchtlingshilfe Güstrow : Wenn das Lachen zurückkehrt…

vom
Aus der Redaktion des Güstrower Anzeiger

Das Lehrerehepaar Wernitz (beide 69) unterrichtet Flüchtlingskinder am Recknitz-Campus in Laage.

Ingelore und Norbert Wernitz kennen sich seit dem Lehrerstudium. Längst war die Zeit für den Ruhestand gekommen, Ruhe aber kehrte nicht ein. Heute unterrichten die beiden 69-Jährigen Flüchtlingskinder, die in der Region Laage untergekommen sind, in Deutsch und haben ihre helle Freude daran. „Was ich hier mache ist eine der schönsten Arbeiten, die ich in meinen Leben erledigen durfte“, sagt Ingelore Wernitz. Zu sehen, wie Kinder wieder Kinder sein können, sei eine wunderbare Erfahrung. „Wenn sie kommen, sind sie ganz still und sie lachen nicht“, erzählt Norbert Wernitz. Erst, wenn sie Schutz und Geborgenheit fühlen, würde das Lachen zurückkehren.

Zwei so genannte Daz-Klassen werden am Recknitz-Campus in Laage von sechs Lehrern unterrichtet. Die Kinder lernen Deutsch bevor sie in ihre Klassenstufen eingegliedert werden. Bei manchen gehe das recht schnell, andere brauchen etwas mehr Zeit. Die bekommen sie in Laage. Jetzt aber haben auch sie erst einmal Ferien. Danach werden einige nicht mehr in die Schule kommen, weiß Norbert Wernitz und erzählt von einem Arztehepaar mit drei Kindern aus Syrien. „Sehr lernbereite Kinder. Das älteste Mädchen konnte nach sechs Wochen jeden Text lesen“, berichtet der Laager. Am liebsten hätten sich auch die Eltern in die Klasse gesetzt. Das Mädchen hätte nachmittags das Erlernte an die Eltern weitergegeben. „Mit den Kindern haben wir uns auch unsere eigenen Übersetzer herangezogen“, erzählt Norbert Wernitz weiter. Kontakte hätten sich auch zu den Eltern entwickelt. „Gern würden wir sie noch ein Stück weiter begleiten“, gesteht der Lehrer, weiß aber natürlich auch, dass die Aussichten auf Arbeit für Flüchtlinge in MV nicht die rosigsten sind.

Als die Schulleiterin das Ehepaar Wernitz im vergangenen Herbst fragte, ob sie den Deutschunterricht mit übernehmen möchten, hätten sie nicht lange überlegt. „Wir dachten, wir machen es so wie in einer ersten Klasse“, erzählt Norbert Wernitz. Mit einer Sprach-App hätten die Enkel sie ausgestattet. Zu Beginn habe man diese für Übersetzungen genutzt. Heute sei es nicht mehr notwendig, weil man die „eigenen“ Übersetzer habe. Anfangs hätten Kinder aus Syrien, Albanien, Serbien und Tschetschenien in der Klasse gesessen. Inzwischen seien es ausschließlich Syrer. Nicht alle kämen aus gebildeten Elternhäuser. Es seien auch Analphabeten darunter.

Das Ehepaar Wernitz hatte die Verbindung zur Schule nie verloren. Ingelore Wernitz betreute einen Jungen aus dem Kinderhaus in Jahmen – eigentlich nicht schulfähig. Diese Betreuung übernahm inzwischen Norbert Wernitz, damit seine Frau sich ganz auf den Deutschunterricht konzentrieren kann. Inzwischen müsste er nicht mehr jede Unterrichtsstunde neben seinem Schützling sitzen. „Es reicht, dass er weiß, dass ich in der Schule bin und im Notfall an seiner Seite“, erklärt der Grundschullehrer und Sozialpädagoge, der die letzten 20 Jahre von dem Ruhestand im DRK-Kinderheim in der Prahmstraße in Güstrow gearbeitet hatte.

Zumindest bis zum 70. wollen beide weitermachen. Es sei schon eine anstrengende Aufgabe, gesteht Norbert Wernitz, aber man bekomme auch viel von den Kinder zurück. „Irgendwie sind die Kinder alle gezeichnet. Sie kommen aus Homs, Damaskus und Aleppo und haben einiges hinter sich. Wir haben erlebt, dass sie unter dem Tisch verschwanden, wenn ein Flugzeug zu hören war“, berichtet der 69-Jährige. Wichtig sei es ihnen, eine Atmosphäre des Vertrauens zu bieten, so dass sie sich geborgen und sicher fühlen. Norbert Wernitz: „Man gibt ihnen so ihre Kindheit zurück, die sie eine Zeit lang nicht hatten.“

Alles rund um die aktuelle Flüchtlingsdebatte lesen Sie in unserem Dossier.

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erstellt am 26.Jul.2016 | 12:00 Uhr

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