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Güstrower Anzeiger

20. November 2017 | 16:46 Uhr

Kolumne : Weihnachten, das Fest der Liebe?

vom
Aus der Redaktion des Güstrower Anzeiger

Eine Gastkolumne mit Gedanken zum Heiligen Abend, den bevorstehenden Weihnachtsfeiertagen und einem Plädoyer für mehr Miteinander und Nächstenliebe

„Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell. Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst.“

Paris, Afghanistan, Syrien; Flutkatastrophen, Wirbelstürme, Erdbeben; Flüchtlingsströme, Obdachlose… „Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht?“ Wie viel Vertrauen braucht man, um so reden zu können? Die Welt scheint aus den Angeln gehoben zu sein. „(...) über denen, die da wohnen im finsteren Lande, scheint es hell?“ Heilig Abend können wir nicht feiern, ohne an die Finsternis in dieser Welt zu denken und erinnert zu werden. Ist doch Christus selbst in die Finsternis hineingeboren worden, in die Fremde, ins Abseits. „(...) und sie fanden keinen Raum in der Herberge.“

Doch könnten wir leben ohne Hoffnung? Ohne Hoffnung auf Veränderung? Dass die Finsternis weicht und die Kriege ein Ende finden, dass niemand mehr hungern und flüchten muss – Gerechtigkeit und Friede einander küssen. Von dieser Hoffnung zutiefst berührt, stimmt Maria ihren Lobgesang an: „Ich lobe meinen Gott. Er streckt seinen starken Arm aus und fegt die Hochmütigen mit ihren stolzen Plänen hinweg. Er stürzt Herrscher von ihrem Thron, und Unterdrückte richtet er auf. Die Hungrigen beschenkt er mit Gütern, und die Reichen schickt er mit leeren Händen weg. Ohne Hoffnung auf eine sich wandelnde Welt würde doch keine Mutter mehr ein Kind in diese, so oft sorgenvolle Welt hineingebären. Jedes neugeborene Kind ist ein hoffnungsvolles Zeichen auf eine Welt, die friedlich und behutsam jedem Menschenkind begegnet.“

Weil auch Gott Hoffnung hat, ist uns ein Kind geboren. Können Sie sich erinnern, so ein zartes Wesen im Arm gehalten zu haben? Vielleicht das eigene Kind, das Geschwisterchen oder das Enkelkind? Man kann sich nicht satt sehen und ist so voller Ehrfurcht und Bewunderung über so viel Zartheit und Schönheit.

In solchen Momenten muss ich immer an Bettina Wegners Lied „Sind so kleine Hände“ denken:

„Sind so kleine Hände, winz’ge Finger dran. Darf man nie drauf schlagen, die zerbrechen dann.

Sind so kleine Füße mit so kleinen Zeh’n. Darf man nie drauf treten, könn’ sie sonst nicht gehn.

Sind so kleine Ohren, scharf und ihr erlaubt. Darf man nie zerbrüllen, werden davon taub.

Sind so kleine Münder, sprechen alles aus. Darf man nie verbieten, kommt sonst nichts mehr raus.

Sind so klare Augen, die noch alles seh’n. Darf man nie verbinden, könn’ sie nichts mehr seh’n.

Sind so kleine Seelen, offen ganz und frei. Darf man niemals quälen, geh’n kaputt dabei.

Ist so’n kleines Rückgrat, sieht man fast noch nicht. Darf man niemals beugen, weil es sonst zerbricht.

Grade klare Menschen, wär’n ein schönes Ziel. Leute ohne Rückgrat, hab’n wir schon zuviel.“

Solch ein zartes, auf unser Wohlwollen und unsere Hilfe angewiesenes Geschöpf ist uns anvertraut, damit es Raum gewinnt in unserer Herberge. Damit wir niemals und niemanden auf die Hände schlagen. Damit wir niemals und niemanden auf die Füße treten. Damit wir niemals und niemanden niederbrüllen. Damit wir niemals und niemanden den Mund verbieten. Damit wir niemals und niemanden die Augen verbinden. Damit wir niemals und niemanden die Seele verletzen. Damit wir niemals und niemanden das Rückgrat brechen.

Denn Unfriede und Finsternis, Ungerechtigkeit und Krieg, Neid und Hass, Streit und Unzufriedenheit, Hunger und Armut, Flucht und Terror haben wir einfach schon viel zu viel! So viel Verantwortung wird uns heute am Heiligen Abend gleich-sam von Gott in die Arme gelegt – fast ein bisschen viel für einen Abend. Aber dürfte es weniger sein in einer Welt, die auseinander zu brechen droht? In einer Welt, die den Eigennutz vor das Allgemeinwohl stellt? In einer Welt, in der Du stark sein musst, um zu überleben?

Mit dem Kind von Bethlehem haben wir die Verantwortung für alles, was schwach und zerbrechlich ist in unseren Armen, was hungert und friert, was zittert vor Angst und auch stirbt. Weihnachten wird tatsächlich zum Fest der Liebe, wo wir dem Kind von Bethlehem in unserem Miteinander dauerhaft eine Herberge bereiten.

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