zur Navigation springen

SVZ-Serie : „Weg wollte ich hier noch nie“

vom
Aus der Redaktion des Güstrower Anzeiger

SVZ-Serie „Min lütt Dörp“: Nach Hinzenhagen im Amt Krakow am See veirrt sich nur selten jemand

Eingebettet in weitläufige Rapsfelder, die schon jetzt das leuchtende Gelb der Blüten erahnen lassen, erstreckt sich das kleine Dorf Hinzenhagen – genau entlang der Autobahn 19 bei Kuchelmiß. Etwas abgeschieden und einsam, ist vor allem die lang gezogene Dorfstraße mit den vereinzelten Häusern das charakteristischste Merkmal des Dorfes im Amt Krakow am See.

„Zufällig verirrt sich hierher eigentlich selten jemand“, beantwortet Sven Rieger die Frage nach Besuchern und Touristen mit einem Schmunzeln. Seit 1969 lebt der 54-Jährige in Hinzenhagen, kam damals gemeinsam mit den Eltern und der ein Jahr älteren Schwester Ulrike aus der Nähe von Berlin nach Mecklenburg. „Das alte Bauernhaus war gerade frei geworden und da unser Vater als Schriftsteller Ruhe und Abgeschiedenheit benötigte, war Hinzenhagen einfach ideal“, erzählt die Schwester Ulrike Beseler.


Kindheit auf Dorf immer spannend


Vor allem die Kindheit sei immer spannend gewesen. „Früher sind wir mit dem Rad zur Grundschule nach Kuchelmiß gefahren. Wenn im Winter Schnee lag, haben wir die Skier genommen“, sagt die 54-jährige Mutter zweier erwachsener Töchter. Die Einsamkeit ihres Heimatortes haben die Beselers indes schätzen gelernt und betonen dabei stets die guten nachbarschaftlichen Beziehungen innerhalb des Dorfes ohne die es längst nicht so schön wäre. Auch ihr Geld verdienen die beiden Hinzenhagener seit mehr als 30 Jahren von zu Hause aus und haben sich als Töpfer mit eigenem Atelier und Ausstellungsraum selbstständig gemacht.

Noch um einiges länger in dem kleinen Ort, der zur Gemeinde Krakow am See gehört, lebt indes Annemarie Balster. Mit ihren 86 Jahren zählt die rüstige Seniorin zu den letzten echten „Ureinwohnern“ des früher vor allem durch die Landwirtschaft geprägten Ortes. „Das Land hier wurde damals aufgesiedelt, so dass 1936 meine Eltern Haus und Land kauften und hier sesshaft wurden“, erzählt Annemarie Balster. Jeder Neuankömmling erhielt zum Einzug von der Gemeinde eine Reihe von Obstbäumen geschenkt. „Nur einpflanzen mussten wir sie dann selbst“, erinnert sich die damals Zehnjährige. Noch heute schätzt die 86-Jährige das freundschaftliche Verhältnis zu den Nachbarn, das sie der Anonymität jeder Großstadt klar vorzieht und freut sich über jeden Neuankömmling, der das Dorfleben bereichert.


Weite Wege für Ältere nicht einfach


Nur einmal fasste die 86-Jährige kurzfristig den Gedanken ihrer Heimat den Rücken zu kehren, als sie nach der Schulzeit gemeinsam mit Freundinnen unbedingt Kindergärtnerin werden wollte. „Doch mein Vater und meine Brüder wurde dann eingezogen, so dass es zu Hause so viel Arbeit gab, dass ich gar nicht weg konnte“, erzählt Annemarie Balster und ist heute glücklich, dass es so gekommen ist. Nur die weiten Wege zum Arzt oder Einkaufen bemängelt die Seniorin, hat sich aber auch damit bestens arrangiert. „Meine Tochter wohnt in Wokern, der Sohn ihn Lalendorf, so kommen sie oft vorbei. Und schließlich kenne ich es ja auch gar nicht anders“, sagt sie.

Ebenfalls bestens auf die Abgeschiedenheit eingestellt hat sich auch Ursel Wriedt. „Wir müssen uns mit dem Gespräch aber beeilen, ich will gleich noch zum Stricken nach Kuchelmiß“, sagt die 76-Jährige während sie schnell noch die Hühner mit Futter versorgt. „Das ist nun einmal Tradition, denn so kommt man unter Leute, kann sich austauschen und Kontakte pflegen“, schiebt Ursel Wriedt schnell nach und erzählt ganz nebenbei ihre eigene Geschichte im Schnelldurchlauf. 1945 aus Danzig geflohen, wurde für die folgenden Jahrzehnte Hinzenhagen ihr neues zu Hause, berichtet die achtfache Uroma. Nach dem Tod ihres Mannes vor mehr als 20 Jahren lebt die Rentnerin heute mit Tochter Monika und Schwiegersohn Heinz unter einem Dach und genießt die ganz besondere Atmosphäre Hinzenhagens. „Weg wollte ich hier noch nie, dieser Ort ist schließlich mein zu Hause“, sagt Ursel Wriedt aus Überzeugung, ehe sie das Tor des Hühnerauslaufes schließt und sich fertig für ihren wöchentlichen Strickkursus macht.




zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen