Wildpark-MV in Güstrow : Wandern gegen die Wolfspanik

Neugierig blickt der Wolf die Besucher im Güstrower Wildpark an – schließlich ist Fütterungszeit.
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Neugierig blickt der Wolf die Besucher im Güstrower Wildpark an – schließlich ist Fütterungszeit.

Bei Führungen zum Wolfsrevier zeigt Biologin Anja Franke den Wildpark-Besuchern in Güstrow das ungeschminkte Verhalten der Tiere.

svz.de von
27. Januar 2018, 05:00 Uhr

Viele Mythen kursieren über den Wolf. Keine Märchen, sondern moderne Verschwörungen. Biologin Anja Franke kennt sie fast alle. Theorien wie „Wildparks haben mit Absicht Wölfe ausgesetzt“ oder „Wölfe ernähren sich hauptsächlich von Haustieren“. Sie kennt diese Ansichten von den regelmäßigen Wolfswanderungen in der Dämmerung zu dem zehnköpfigen Wolfsrudel im Güstrower Wildpark. Sie weiß auch, wer den Wolf ablehnt. „Ältere Menschen sind eher abgeneigt, Jüngere eher positiv eingestellt“, sagt sie. Aufklären will sie beide Altersgruppen. Doch kann eine Wolfswanderung Skeptiker überzeugen? Oder verstärkt ein hungriges Rudel nur die Angst vorm „bösen“ Wolf?

Ab durch die „Raubtier-WG“

Die Wanderung startet kurz vor der Dämmerung. Franke führt die kleine Gruppe durch das Dammwildgehege. Raubtiere warten hier nicht. Nur die Kraniche machen sich gerne einen Spaß und flattern kreischend auf Besucher los. Schilder warnen davor. Dahinter, wo Bärengehege dransteht, warten die Wölfe. Das Rudel teilt sich mit den Braunbären Fred und Frode das Revier. Sie flezen herum und beobachten die Menschen. Sie sind neugierig, denn bald ist Fütterungszeit. „Bis zu zehn Kilo auf einmal kann ein Wolf herunter schlingen. Vielleicht entstand so die Geschichte vom Rotkäppchen“, sagt die Biologin. Doch vor den Wölfen sind erst die Luchse dran.

Die „Raubtier-WG“ betreten Besucher über eine Treppe. Anja Franke steht mit der Gruppe auf dem Hochweg. Sie hält eine Tüte mit Kücken in der Hand. Tot, versteht sich. Die Luchse sind längst da. Lautlos schleichen sie mit ihren dicken Pfoten umher, den Blick nach oben gerichtet. Eine Vögelchen nach dem anderen verschwindet in ihren Mäulern. Auch Wildkatze Willy bekommt was ab.

30 Kilogramm Fleisch warten

Die Wolfsfütterung rückt näher. Ein Bollerwagen mit zwei Eimern voller Fleisch steht bereit. Franke zieht den Wagen zur nächsten Station, dem Hochsteg über dem Wolfsrevier. An einer Kurve bleibt die Gruppe stehen. Auch das Wolfsrudel wartet schon. Im Lichtkegel schieben sich die Tiere gegenseitig zur Seite, wimmern, jaulen und springen. Auf den ersten Blick wirken sie wie graue Hunde. Franke nimmt einen Batzen Fleisch und wirft ihn in die Tiefe. Das erste Tier stürzt sich auf den roten Klumpen. Die anderen sind unruhig, aber zerren wider Erwarten nicht gleichzeitig an dem Stück. „Wölfe sind nicht futterneidisch“, sagt Franke. „Sie warten bis sie etwas ergattern können.“

Schnell sind die Eimer leer, die meisten Wölfe weg. Die Biologin wirft das letzte Stück hinunter. Eine Wölfin schleicht heran. „Das ist Naja“, sagt sie. Die Wölfin spitzt die Ohren. Franke will zeigen, wie scheu die Tiere sind. Sie schwingt den Eimer durch die Luft. Naja zuckt. Sie greift sich das Fleisch und rennt weg. Bedrohlich wirkt das Verhalten nicht.

Wieder geht es runter vom Hochweg. In einem abgezäunten Bereich steht eine Hütte mitten im Wolfsgehege, davor eine Feuerschale. Die Gäste bekommen in der Hütte Gulasch. Während drinnen gegessen wird, huscht draußen ein Schatten vorbei. Die Wölfe sind wieder da. Wer hat mehr Angst, Wolf oder Mensch? Vor der Hütte befindet sich ein kleiner Teich. Nach wenigen Minuten nähern sich funkelnde Augen. Ein Wolf tänzelt am Zaun entlang. Das Tier stellt sich an das Ufer und säuft. Mit der Jacke zu Rascheln erzeugt Aufmerksamkeit. Der Wolf hebt den Kopf. Einmal lautstark mit dem Fuß auftreten genügt. Pahm! Das Tier weicht zurück. Es rennt um das Ufer zu seinen Artgenossen, die nun ebenfalls rüberschauen. Kommen Sie wieder? Nein. Zügig verschwinden sie im Dunkeln.

Brutale Fallen rotteten Wölfe aus

Das Rudel ist Menschen gewöhnt. Die Tiere sind im Wildpark geboren, täglich wird gefüttert. Trotzdem haben die Tiere eine natürliche Scheu vor dem Menschen. Zugegeben, diese Tiere waren satt. Doch wilde Wölfe sind noch weniger an Menschen gewöhnt, als ihre Verwandten im Gehege.

Die Biologin empfiehlt bei einem Wolfkontakt, die Jacke nach oben zu reißen. Die Tiere würden verschwinden. Doch die Wolfsskeptiker haben nicht nur Angst um die eigene Gesundheit. Besonders Viehzüchter fürchten um ihre Herden. Die Debatte dreht sich um Ausgleichszahlungen und Abschussgenehmigungen.

Wie die Tiere in der Vergangenheit gejagt wurden, ist unter dem Wolfsgehege im Wildpark zu sehen. Von der Hütte führt eine Treppe zu dem unterirdischen Gang. Dort stehen mehrere spitze Holzpfeiler. Franke erklärt: „Ab dem Mittelalter wurden Wölfe systematisch gejagt, auch indem sie in solche Fallen gelockt wurden. In Panik versetzt, rannten die Tiere in das Loch und wurden aufgespießt.“ Sie erzählt auch, welche Fallen sich die Menschen noch ausgedacht haben. Wie die Metallkugel, an der ein Stück Fleisch befestigt wurde. Sobald ein Wolf am Köder zog, schossen Klingen hervor und zerfetzten dem Tier das Maul.

Nach der Wolfsfalle geht es zum Abschluss wieder durch den Wald. Die Biologin zieht eine Büchse aus der Tasche. Vor einem Holzzaun grunzt es. Wildschweine. Franke wirft Maiskörner zu den Tieren. Schnaufend futtern sie los. Die Biologin zieht einen Hauerzahn hervor. Sie erzählt auch von einem Jäger, der im Dezember aufgrund einer Wildschweinattacke nahe Greifswald verstarb.

Sie bedauert diesen Vorfall. Doch die Wildschwein-Hysterie, die nach der Meldung im Internet aufkam, kann sie nicht verstehen. „Manche Menschen riefen dazu auf, nun Wildschweine auszurotten. Das erinnerte mich an die panische Wolfsdebatte“, sagt sie. So entstehen sie, die modernen Mythen über wilde Tiere.

Wolfswanderungen 2018

Wolfswanderungen in der Dämmerung finden auch 2018 monatlich im Güstrower Wildpark statt. Informationen und Anmeldungen unter Telefon 0 38 43/24 68 0.
Geführte Wanderung zu Wölfen, Eulen und Co.:

• Februar: 3., 17., 24.
• März: 3., 10., 17., 24.
• April: 6., 13., 20., 27.
• Mai: 4., 11., 18., 25.
• Juni: 1., 8., 15., 29.
• Juli: 3., 6., 11., 13., 17., 20., 25., 27., 31.
• August: 3., 8., 10., 14., 17., 22., 24., 28., 31.
• September: 5., 7., 14., 21., 28.
• Oktober: 6., 13., 20., 27.
• November: 3., 10., 24.
• Dezember: 1., 15., 29.

Zudem hat der Wildpark barrierefreie Wolfswanderungen in der Dämmerung im Angebot: 26. Mai, 30. Juni, 28. Juli, 25. August und 29. September. Für mobil Eingeschränkte geeignet (ohne Treppen, Kletterpfad). Begleitperson dennoch notwendig, teils beschwerliche Wege.

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