Aufsichtsrat meldet sich : Wahltaktik: nein, Schuld: nein

wolfgang geistert
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Aufsichtsrat der Wokra meldet sich nun doch zu Wort / Antworten vom Ex-Aufsichtsrat Gundolf Bötefür und Bürgermeister Wolfgang Geistert

svz.de von
18. März 2014, 06:00 Uhr

Nach vielem Hin und Her und dem Verweis, sich wegen gesetzlicher Einschränkungen öffentlich nicht zur Arbeit des Aufsichtsrates äußern zu dürfen, hat sich der Aufsichtsrat der Wohnungsgesellschaft Krakow am See Wokra gestern doch mit einer Mitteilung zu Wort gemeldet. Unterschrieben haben das Papier Norbert Schlesiger, der Vorsitzende, sowie die Mitglieder Nils Ruhnau, Kathrin Lange, Karl-Heinz Kleinpeter und Katrin Masgaj Nehls.

Sie stellen für sich fest, dass der Aufsichtsrat erstmalig im Oktober/November 2013 Unregelmäßigkeiten in der Unternehmensführung festgestellt hat. Seit Januar 2012 bis zum November 2013 sei er nicht über die Kostensteigerungen beim Neubau der Seniorenwohnungen in der Ernst-Thälmann-Straße 17 informiert worden, heißt es weiter. Außerdem wird behauptet, dass die Stadtvertretung von Krakow am See am 7. August 2012 nicht richtig über die zu erwartenden Baukosten informiert worden sei. Die Bausumme sei bewusst auf 750 000 Euro reduziert worden, obwohl Geschäftsführer Jens Wiese und Aufsichtsratsvorsitzender Gundolf Bötefür über die Höhe der Baukosten von 880 000 Euro durch die Planerin unterrichtet worden seien, wird erklärt. „Zu dem Zeitpunkt hatte der Aufsichtsrat eine Bausumme von 500 000 Euro beschlossen“, heißt es wörtlich.


Zustimmung der Gremien fehlte


Der Aufsichtsrat sei erst am 12. November vom Geschäftsführer über Baukosten von 830 000 Euro informiert worden. Da hätten die Kosten bereits mehr als 900 000 Euro betragen, schreibt der Aufsichtsrat. Und weiter: „Der Aufsichtsrat wurde nach Prüfung am 7. Januar 2014 über eine Darlehensaufnahme im Januar 2013 von 780 000 Euro in Kenntnis gesetzt. Diese hätte die Zustimmung des Aufsichtsrates und der Stadtvertretung erfordert.“

Die Aufsichtsratsmitglieder behaupten weiter, dass sie seit 2011 bewusst nicht oder unzureichend über die wirtschaftlichen Verhältnisse der Wokra informiert wurden. Erst am 3. Januar 2014 sei der Aufsichtsrat nach eigener Prüfung z.B. über Zahlungsschwierigkeiten in der Tourismus GmbH informiert worden.

Das Ergebnis der internen Überprüfungen durch die Mitglieder des Aufsichtsrats mit den nachgewiesenen Unregelmäßigkeiten und Pflichtverletzungen seien der Rücktritt des Aufsichtsratsvorsitzenden und die Abberufung des Geschäftsführers gewesen.

Die Mitglieder betonen, dass sie „ihre Pflichten eigenverantwortlich, über Parteiengrenzen hinweg und unabhängig wahrgenommen“ haben. Die Entscheidungen seien ausschließlich dem Unternehmensinteresse verpflichtet. Vorsitzender Norbert Schlesiger: „Wahltaktische Gründe oder vermutete Pflichtverletzungen der Aufsichtsratsmitglieder weist der Aufsichtsrat zurück.“


Gundolf Bötefür wehrt sich gegen Unterstellung


Gundolf Bötefür erklärt auf SVZ-Nachfrage, dass es „keine besonderen Umstände“ gegeben habe, die zur erstmaligen Feststellung von Unregelmäßigkeiten Anlass boten. Bötefür erklärt weiter, dass in den Wirtschaftsplänen 2012 und 2013 „Ansätze für den Bau der Ernst-Thälmann-Straße 17 enthalten und vom Aufsichtsrat beschlossen waren“. Er antwortet weiter auf SVZ-Fragen, dass der Geschäftsführer bis November 2013 von Baukosten von 750 000 Euro ausgegangen war, so dass „die Aussage in der Stadtvertretersitzung (im August 2012) seiner Einschätzung entsprach“. Bötefür: „Mir waren höhere Baukosten nicht bekannt.“ Und weiter: „Es gab für das Bauvorhaben keinen Einzelbeschluss für die Baukosten.“ Die Information der Baukosten von 830 000 Euro habe es am 12. November gegeben. Bötefür: „Das war die Summe der Abrechnungen.“ Die Zahl von 900 000 Euro hält er für „zweifelhaft“. Zur Darlehensaufnahme kann er „keine zuverlässige Aussage“ machen. Er bestätigt jedoch, dass eine Kreditaufnahme vom Aufsichtsrat hätte beschlossen und die Stadtvertreter hätten unterrichtet werden müssen. Bötefür bestätigt weiter, dass der Aufsichtsrat über die aktuelle wirtschaftliche Lage unzureichend informiert worden sei. Bötefür: „Es hat jedoch laut Geschäftsführung keine wirtschaftlichen Schwierigkeiten gegeben.“ Zu den Zahlungsschwierigkeiten in der Tourismus GmbH sagt Bötefür, dass es „nur im Innenverhältnis zwischen der GmbH und der Mutter, der Wokra“, welche gegeben habe, ohne dass es zu wirtschaftlichen Folgen gekommen wäre. „Nachgewiesenen Unregelmäßigkeiten und Pflichtverletzungen“ weist er als eine „Unterstellung“ zurück.


„Was hat der Aufsichtsrat davor gemacht?“


Bürgermeister Wolfgang Geistert fragt zu den im Oktober/November 2013 vom Aufsichtsrat festgestellten Unregelmäßigkeiten: „Was hat der Aufsichtsrat davor gemacht?“ Er gibt allerdings zu, dass es „Unregelmäßigkeiten in der Finanzierung des Bauvorhabens“ gegeben habe. Und er bestätigt: „Eine Kreditaufnahme darf erst nach Zustimmung des Aufsichtsrats und Berichterstattung an die Stadtvertretung erfolgen.“ Geschäftsführer Jens Wiese sei deshalb abgemahnt worden, so Geistert.

Zu den Baukosten sagt er: „Sie wurden vor Baubeginn in der Stadtvertretung vom 7. August 2012 vom Geschäftsführer mit 750 000 Euro beziffert. Aufsichtsrat und Bürgermeister wurden erst im November 2013 vom Geschäftsführer über die gestiegenen Kosten unterrichtet.“ Die dort vom Geschäftsführer genannte Gesamtsumme habe sich dann noch weiter erhöht.

„Eine bewusste Täuschung des Aufsichtsrates vom Geschäftsführer oder vom Aufsichtsratsvorsitzenden kann ich mir nicht vorstellen“, erklärt der Bürgermeister auf SVZ-Nachfrage. Geistert räumt jedoch „leider“ eine Reihe von fehlenden Informationen und Beschlüssen ein. Aber der Aufsichtsrat habe auch die Pflicht, den Geschäftsführer in seiner Geschäftsführung zu fördern, zu beraten und zu überwachen. Geistert: „Diese Aufgabe hat der Aufsichtsrat lange Zeit nicht erfüllt. Mein Fehler war, dass ich mich auf den Aufsichtsrat und den Geschäftsführer verlassen habe.“

Aus den bisherigen Ausführungen des Aufsichtsrates geht für den Bürgermeister nicht hervor, dass der Wokra ein Schaden durch falsches Handeln des Geschäftsführers entstanden ist. Geistert: „Die Art und Weise seiner Kündigung durch den Aufsichtsrat nach fast zehn Jahren erfolgreicher Tätigkeit für die Wohnungsgesellschaft, die Tourismusgesellschaft und die Stadt Krakow am See halte ich nach wie vor für nicht angemessen.“





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