Der Erste Weltkrieg und Güstrow : Vorboten des Krieges in Güstrow

Die Kaiserliche Post mit Borwinbrunnen und Pfarrkirche“ um 1917. Hier erreichte die Depesche  zum drohenden Kriegszustand  Güstrow. Repro:  E. Kuna, alte Ansichtskarte, Privatbesitz
Die Kaiserliche Post mit Borwinbrunnen und Pfarrkirche“ um 1917. Hier erreichte die Depesche zum drohenden Kriegszustand Güstrow. Repro: E. Kuna, alte Ansichtskarte, Privatbesitz

SVZ-Serie zur 100. Wiederkehr des Kriegsbeginns von Edwin Kuna - Teil 1: 31. Juli: „Drohender Kriegszustand“

svz.de von
29. Juli 2014, 06:00 Uhr

Am 29. Juli 1914, also heute vor 100 Jahren, wurde das Feldartillerieregiment Nr. 24 von der Schießübung auf dem Truppenübungsplatz Munster (Lüneburger Heide) in die Garnison Güstrow zurückberufen. Noch in der Nacht kamen die von der Sommersonne braun gebrannten Soldaten in Güstrow an. Die ersten Vorboten des sich anbahnenden großen Krieges in Güstrow…

Der Historiker Dr. Edwin Kuna widmet sich in einer mehrteiligen Serie dem Beginn des weltgeschichtlichen Ereignisses vor 100 Jahren und seiner Reflektion in Güstrow:

In Mecklenburg soll der Sommer im Juli 1914 ein besonders heißer gewesen sein. Er brachte der Stadt Güstrow viel Besuch und der Küstenregion in diesem Jahr den ersehnten Hochbetrieb im Tourismus und Fremdenverkehr. Und das trotz des Schicksalstages vom 28. Juni, dem Attentat von Sarajewo auf den österreichisch-ungarischen Thronfolger und dessen Gattin. Ganz Europa erstarrte vor Schreck, doch zog für die meisten Menschen bald wieder der Alltag ein. Wer konnte, reiste in die Sommerfrische an die Ostsee, wo sich in den Bäderlisten sogar eine bessere Tendenz als in den beiden Vorjahren abzeichnete. 8838 Sommerfrischler zählte etwa das Ostseebad Binz bis zum 18. Juli 1914. Es war eben Sommerzeit und damit Ferien- und Badesaison. Die Bade- und Bewegungskultur an der offenen See war groß in Mode gekommen. Für die Schulkinder in Mecklenburg begann Mitte Juli die Ferienzeit, erst zwischen dem 3. und 12. August sollten sie wieder die Schulbank drücken. Auch die Spitzen der deutschen Reichsregierung machten Urlaub, Gelassenheit demonstrierend.

Und dann nahm der Alltag eine radikale Wendung, denn am 28. Juli 1914 erklärte Österreich-Ungarn seinem Nachbarn Serbien den Krieg. Aus Mecklenburg reisten am nächsten Tag die wehrpflichtigen österreichisch-ungarischen Staatsbürger, die landwirtschaftlichen Schnitter und Wanderarbeiter in ihre Heimat zurück, um ihre Pflicht zu erfüllen. Mit Sorge erfüllte Männer trafen sich auch auf dem Güstrower Bahnhof zur Heimfahrt.

Von nun an gab es in der Güstrower Zeitung täglich eine Hiobsbotschaft nach der anderen. An warnenden Stimmen vor einem Vielvölkerkrieg fehlte es auch im Norden nicht, insbesondere aus den Reihen SPD und der Gewerkschaften.

Am 31. Juli um 12 Uhr Mittag fiel in Berlin die folgenschwere politische Entscheidung. Kaiser Friedrich Wilhelm II. rief den „drohenden Kriegszustand“ über Deutschland aus. Außer über Bayern, das tat der König von Bayern. Durch diese militärische Maßnahme ging im Norden die vollziehende Staatsgewalt, das hieß auch die des Bürgermeisters von Güstrow, auf den kommandierenden General des 9. Armeekorps – zu dem Mecklenburg und Güstrow gehörten, mit Sitz in Altona – über. Das gesamte Kaiserreich war in militärische Alarmbereitschaft versetzt worden. Die Meldung vom Kriegszustand wurde von Berlin aus in alle Orte des Kaiserreichs telegrafiert und öffentlich bekannt gegeben. Der „drohende Kriegszustand“ verlangte die sofortige Grenzsicherung im Westen und Osten, des weiteren den Schutz der Eisenbahnen, Schifffahrtswege und Häfen usw. für den bevorstehenden Aufmarsch sowie eine absolute Nachrichtensperre über militärische Tatbestände. Nach 14 Uhr ging die eilige „elektrische Drahtmeldung“ auch auf dem Kaiserlichen Postamt in Güstrow ein. In Berlin hielt um 16.30 Uhr der Kaiser vom Balkon des Stadt-Schlosses seine patriotische Ansprache an das versammelte Volk.

Und die Menschen, wie reagierten sie in Güstrow auf diese Nachricht? Auf dem Marktplatz z.B. kam es zu spontanen Menschenansammlungen. Ähnliche Szenen gab es auch in den Gaststätten: Die alles entscheidende Frage für jeden war: Gibt es Krieg?

Seit 1870/71 hatte Frieden im Land geherrscht, nur noch die ältesten Bewohner konnten sich an Kriegsrecht und Kriegszustand usw. erinnern. Auf einmal wurden die Leute sehr geschäftig, jetzt war alles anders, denn die ungeheure Anspannung, die seit Tagen die Menschen im Bann gehalten hatte, war jäh gelöst.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen