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Ernst Barlach in Güstrow : Vor 80 Jahren gewaltsam abgehängt

vom
Aus der Redaktion des Güstrower Anzeiger

Gedenken an die Abnahme des Schwebenden von Ernst Barlach am Mittwochabend im Güstrower Dom.

von
erstellt am 24.Aug.2017 | 21:00 Uhr

Zwei Kerzen brennen auf dem Altar, eine weitere steht neben dem Metallgitter über dem der Schwebende von Ernst Barlach hängt. Ein so friedliches Bild hat es am 23. August 1937 im Güstrower Dom nicht gegeben. Damals wurde Barlachs Werk von den Nationalsozialisten als „entartete Kunst“ deklariert und gewaltsam abgenommen. Am Mittwochabend gedachte dessen in der Winterkirche des Doms. „Gedenken meint nicht immer neue Perspektive auf Vergangenes frei zu legen“, sagte Pastor Christian Höser. Vielmehr könne es sinnvoll sein an solchen Jahrestagen auch Raum zu geben, um an Altbekanntes zu erinnern. In der jeweiligen aktuellen Weltlage bekäme man dennoch immer eine neue Perspektive. „Es wäre gut gewesen, den Alt-Bundespräsident auf dem Hintergrund seiner Erfahrung der letzten Jahre und mit seinem persönlichen Blick auf den Schwebenden unter uns zu haben“, so Höser.

Joachim Gauck aber hatte kurzfristig abgesagt. Das Programm jedoch blieb, wie von Dom und Barlach-Stiftung geplant. Mit verschiedenen Texten ließen die Dompastoren Susanne und Christian Höser Geschichte lebendig werden. „Gerade diese Zeitzeugnisse führen uns vor Augen, welche Dimensionen angeführt werden, wenn wir uns dem Schwebenden aussetzen“, sagt Christian Höser. Zuerst wurde der Einweihung des Schwebenden vor 90 Jahren gedacht. Statt eines Findlings unter der Eiche wurde das Werk Barlachs anlässlich eines Jubiläums in den Dom gehängt. Schon zehn Jahre später aber wurden das Buch „Barlachzeichnungen“ und eine seiner Plastiken in der Ausstellung „Entartete Kunst“ gezeigt und der Schwebende musste aus dem Dom weichen.

Bernd Scheunemann kam aus Lübeck, um der Abnahme zu gedenken: „Ich schätze die gegenständliche Kunst und 80 Jahre nach der Demontage hier zu sein, ist etwas Besonderes“. Dieter Kölpin aus Güstrow wies auf einen anderen Aspekt hin: „Die nationalsozialistische Unterwanderung damals war sehr groß.“ Denn letztlich sei die Abnahme auch von kirchlichen Amtsträgern angeordnet worden. Christian Höser zeigte Demut im Hinblick darauf, wie die Kirche bei dieser Entscheidung involviert war. Ihm war aber auch etwas anderes wichtig: „Auf der Grundlage dieser Geschichte tragen wir heute Verantwortung.“

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