Raden : Vierbeinige Pensionsgäste

Karl-Heinz Stiewe zieht in Pension Jundrinder auf.
Karl-Heinz Stiewe zieht in Pension Jundrinder auf.

Agrar-Milchhof-Raden GbR gab Milchproduktion vor fünf Jahren auf und etabliert sich als Aufzuchtbetrieb

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12. August 2015, 06:00 Uhr

Gut fünf Jahre ist es her, dass die Agrar-Milchhof-Raden GbR die Milchviehhaltung aufgab. Keinen Tag habe er die Entscheidung bereut, sagt Karl-Heinz Stiewe (47). Mit der Aufzucht von Jungrindern fanden die Radener Landwirte eine Nische und entwickelten ihr Geschäftsmodell weiter. Heute stehen statt der 220 Milchkühe rund 1100 Jungrinder in den Ställen des von den Brüdern Karl-Heinz und Hans-Günter Stiewe geführten Betriebes mit drei Mitarbeitern und einem Auszubildenden.

Indirekt aber trifft sie die katastrophale Situation der Milchbauern, die von einem Milchpreis von 27 Cent pro Kilogramm nicht leben können, dennoch, nämlich dann, wenn einer ihrer Vertragspartner mal nicht pünktlich zahlen kann. Als die Stiewes die Milchproduktion aufgaben, gingen Kühe aus ihrem Stall an den Milchhof Alt Sührkow. Dafür übernahmen die Stiewes die Aufzucht der Jungrinder für die Landwirte aus Alt Sührkow. „Inzwischen machen wir das für sechs Betriebe“, berichtet Stiewe. Die Tiere werden in Pension genommen, aufgezogen und gehen dann zurück zu den Milchbauern. „Einige bringen die Tiere im Alter von 14 Tagen, andere erst nach drei Monaten“, berichtet der Landwirt. Zurück gehen die Kühe, wenn sie das erste Mal tragend geworden sind bzw. eineinhalb Monate, bevor die Kälber zur Welt kommen. Dann sind die Kühe in der Regel 23 Monate alt.

„Die Spezialisierung in der Landwirtschaft schreitet voran. Wer seine Ressourcen auf die Milchproduktion konzentrieren will, gibt die Jungtieraufzucht in andere Hände“, erklärt Karl-Heinz Stiewe die Situation und die Chance der Milchhof-Raden GbR. Nach und nach seien die Ställe nach den Bedürfnissen der Jungtieraufzucht umgebaut worden.

Einige Jungrinder für den Export

Ein Teil des Futters wird nach wie vor selbst produziert. Jungrinder bekämen hauptsächlich Grünes, meist im angewelkten Zustand. Zugefüttert wird u.a. Roggen. Der wurde jetzt gleich nach der Ernte geschrotet und in Schläuche gepresst. Um die 85 Doppelzentner Roggen wurden vom Hektar geerntet. Karl-Heinz Stiewe ist zufrieden. Auch bei der Wintergerste habe man mit 88 Doppelzentner je Hektar eine sehr gute Ernte eingefahren. Für den Raps liege noch kein Ergebnis vor. Man im Frühjahr Hagelschäden hinnehmen müssen. Dadurch habe sich die Blüte und infolge dessen die Reife verzögert. Ein Drittel der Rapsernte stehe noch aus, berichtet der 47-Jährige. Ein Schlag mit Weizen weise zwar eine gute Qualität auf, aber an der Menge werde es wohl hapern, vermutet Karl-Heinz Stiewe. Rund 550 Hektar werden bewirtschaftet, 150 Hektar davon sind Grünland.

Neben den Pensionsrindern wachsen auf dem Stiewe-Hof auch ein paar eigene Kühe auf. Diese gehen meist in den Export nach Russland und in afrikanische Staaten. Die Vermarktung erfolge über die Rinderallianz GmbH (Zusammenschluss der ehemaligen Rinderzuchtverbände MV und Sachsen-Anhalt). Immer wieder würden Interessenten sich die Tiere in Raden ansehen. Gerade sind ein halbes Dutzend junger Kühe separiert. „Die gehen Donnerstag nach Marocko“, erzählt Karl-Heinz Stiewe.

Sorge: Großindustrielle kaufen Ackerland

Die Aufzucht funktioniere, man habe sich damit inzwischen einen Namen gemacht, dennoch bleiben Sorgen. Die benennt Karl-Heinz Stiewe in erster Linie mit der Pacht- und Kaufpreisentwicklung. „Der Boden ist unser Produktionsmittel, aber es wird immer schwieriger als hiesiger, normaler Landwirt da mitzuhalten“, beklagt der 47-Jährige. Es könne nicht sein, dass „Großindustrielle in Größenordnungen Land kaufen und dann auch das Pachtniveau kaputt machen“. „Die Gesellschaft träumt nach wie vor vom kleinen Familienbetrieb in der Landwirtschaft, aber die Realität ist davon weit entfernt“, stellt Karl-Heinz Stiewe fest. Eigentlich sei es ihm lieber, wenn sich die Politik so wenig wie möglich einmischt, an der Stelle aber müssten andere Regeln her. Zunächst müsse klar definiert werden, wer ein Landwirt ist. Zwei Drittel der bewirtschafteten Flächen sind Pachtland.
 

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