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Güstrower Anzeiger

23. Oktober 2017 | 17:00 Uhr

Historisches : Verfall der Sitten befürchtet

vom
Aus der Redaktion des Güstrower Anzeiger

SVZ-Serie „Historische Sportstätten in Güstrow“ / Heute: Städtische Badeanstalt an der Nebel

Schon 1848 legte die Stadt Güstrow, den Bedürfnissen der Bevölkerung folgend, an der Nebel in Höhe der heutigen Kongresshalle einen gut gedeckten Badeplatz an, der zehn Jahre später durch Erweiterung des Flussbettes zu einer öffentlichen „Städtischen Flussbadeanstalt“ mit Umkleidekabinen umgebaut wurde. Durch stärkere Verunreinigungen, verursacht durch das
in der Nähe gelegene Seuchenhaus (später Schlachthof) und durch unkontrollierte Einleitung von Abwässern war die Badewasserqualität ständig eingeschränkt und es gab häufig Beschwerden. Hinzu kam ein tödlicher Badeunfall, der für viel Aufregung sorgte. Die „Güstrower Zeitung“ von 1878 schrieb: „Täglich wachsender Unrat in unserer Badeanstalt“.

Bei den Stadtvätern gab es Überlegungen zur Einrichtung einer neuen, sauberen Badeanstalt. Eine Möglichkeit dazu ergab sich durch den Stadtmauerdurchbruch 1887 beim Kattrepel. Damit entstand ein freier Durchgang zur „Roten Brücke“ an der Nebel und zur Anlage einer neuen „Städtischen Badeanstalt“ im dort gelegenen Ellerbruch. Ein großes Bassin wurde 1888 gegraben, mit der Nebel verbunden und somit vom Flusswasser gut durchspült. Das neue Bad war sehr schnell beliebt und schon im Eröffnungsjahr kamen weit über 10 000 Besucher.

Früh am Morgen um 5 Uhr wurde geöffnet bis in die späten Abendstunden. Da es nur ein Becken gab, und das gemeinsame Baden von Männern und Frauen damals noch strikt untersagt war, blieb die Vormittagszeit den Frauen vorbehalten. Erst 1901 wurde ein zweites Becken angelegt, das so genannte Damenbad, das aber durch einen hohen Bretterzaun strikt vom Herrenbad getrennt war. 20 weitere Jahre mussten vergehen, bis 1921 endlich die Schranken fielen und beide Becken zu einem Familienbad vereinigt wurden. Trotzdem regte sich bei einigen zu prüden Stadtverordneten immer noch Widerspruch, die einen Verfall der Sitten befürchteten.

Es erfolgte nunmehr ein komplexer Um- und Erweiterungsbau. Liegewiesen, Umkleideräume und Einzelbadzellen wurden errichtet, ein neuer Wasseraus- und -einlauf sorgte für ständig gute Wasserqualität. Das Bad erhielt wettkampfgerechte 50m- und 25m-Bahnen und einen Sprungturm. Nationale und sogar internationale Wettbewerbe fanden statt. So berichtete die „Güstrower Zeitung“ im Jahr 1932 vom Vergleichskampf Mecklenburg gegen Dänemark im Schwimmen und Springen, an dem auch bekannte Güstrower erfolgreich teilnahmen. Insgesamt gab es 14 Schwimmwettkämpfe, fünf Staffeln und ein Kunstspringen der Herren.

Nach dem 2. Weltkrieg setzte schneller Verfall ein. Die reine Holzkonstruktion des Bades wurde wegen Bau- und Brennstoffmangel permanent geplündert. Um 1950 erfolgte durch die Stadt der komplette Abriss. 1959 wurde durch die Nebelregulierung der Fluss durch das alte Bassin geleitet – die „Städtische Badeanstalt“ war Geschichte.



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