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Ausgrabungen in Güstrow : Uraltes Folterwerkzeug entdeckt

vom
Aus der Redaktion des Güstrower Anzeiger

Einzigartiger archäologischer Fund bei Ausgrabungen in Güstrower Schnoienstraße.

An mehreren Baustellen in der Güstrower Altstadt sind Archäologen im Auftrag des Landesamtes für Kultur und Denkmalpflege des Landes Mecklenburg- Vorpommern zurzeit im Einsatz. Bergung und Dokumentation von Teilen des Bodendenkmals „Altstadt Güstrow“ ist ihre Aufgabe. Mit Funden soll die Geschichte unserer Vorfahren aufgearbeitet und gedeutet werden. Meistens handelt es sich lediglich um 500 Jahre alte Mauerreste oder ein paar Scherben. Doch was die Archäologen jetzt bei Sanierungsarbeiten in der östlichen Schnoienstraße zu Tage förderten ist einzigartig: ein Folterinstrument aus dem Mittelalter.

So genannte Schand- oder Lästersteine

Das besondere Fundstück wurde bei Erdarbeiten mit dem Bagger in der Schnoienstraße entdeckt. Erste Deutungen des Fundes weisen auf ein altes Folterinstrument hin. Nachfragen im Kriminalmuseum in Rothenburg/ Tauber und im Internet bestätigten die Annahme. „Bei den zwei mit Ketten verbundenen Steinen, die etwa 14 Kilogramm wiegen, handelt es sich wahrscheinlich um so genannte Schand- oder Lästersteine und wahrscheinlich ist das für Mecklenburg sogar ein Unikat“, sagt der Güstrower Stadthistoriker Ulrisch Schirow, der nach dem Fund recherchiert hat. „Es könnte sich aber auch um ein zusätzliches Folterinstrument für die Streckbank handeln.“ Eine eindeutige Klärung steht noch aus. Schandsteine wurden im frühen Mittelalter zur Folter verwendet, wobei die Folter nur bei sehr schweren Vergehen (Mord, Hexerei, schwerer Raub) zur Anwendung kam. Bei leichten Vergehen wurden die Verklagten im späten Mittelalter bis in das 18. Jahrhundert auch noch an den Pranger gestellt. Der Pranger war der Schandpfahl oder auch „Kack“ genannt und stand in Güstrow auf dem Marktplatz vor dem Rathaus, wie der Güstrower Chronist Mastaler herausgefunden hat.

In der Regel wurden vorwiegend Frauen bei leichten Vergehen wie Verleumdung, handgreiflichem Streit oder kleinem Diebstahl an den Schandpfahl gekettet. „Sie bekamen unter Umständen an einem Halseisen zusätzlich die zwei Schandsteine zur Verschärfung der Strafe angehängt. Oder sie mussten mit den Steinen um den Hals durch die Stadt gehen“, erläutert Ulrich Schirow. Rechtsreformbestrebungen führten in Mecklenburg erst 1769 zur Abschaffung der Folter. „Wahrscheinlich sind die verbliebenen Folterinstrumente damals einfach entsorgt worden“, so der Historiker.

Henker wohnte im Armesünderturm

Dass das Folterwerkzeug gerade in der Güstrower Schnoienstraße gefunden wurde, sei laut Schirow kein Zufall. „Die Schnoienstraße (früher Schnoienmauerstraße) führt ja direkt an der alten Stadtmauer entlang und unmittelbar am Armsünderturm vorbei, so dass man durchaus Fundstücke erwarten kann“, sagt er. Der Fundort der Steine sei vor allem durch die Nähe zum Armsünderturm erklärbar, denn dort befand sich im oberen Fachwerkteil des Turms die Folterkammer des Scharfrichters, der mit seinem Henkersknecht im Anbau und im Nebenhaus wohnte. „Das Nebenhaus ist inzwischen lange abgerissen“, so Schirow.

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