Untypisches schmackhaft machen

Während der Gesprächsrunde im Gästehaus: Sebastian Singer, Chris Walek, Roswita Dargus und Bernd Schröder, Referent im Sozialministerium (v.l.)hans-jürgen kowalzik
Während der Gesprächsrunde im Gästehaus: Sebastian Singer, Chris Walek, Roswita Dargus und Bernd Schröder, Referent im Sozialministerium (v.l.)hans-jürgen kowalzik

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05. Oktober 2011, 07:28 Uhr

Güstrow | Sebastian Singer aus Güs trow will Betriebswirtschaft studieren. Gegenwärtig geht er im Fachgymnasium Wirtschaft in Güstrow-Bockhorst zur Schule. Sein Klassenkamerad Chris Walek aus Koppelow will Kaufmann für Versicherungs- und Finanzwirtschaft werden. Beide gehörten gestern zu den Schülern, die im Gästehaus "Am Schlosspark" in einer Diskussionsrunde mit dem Thema "Stark fürs Leben" den ersten Jungstag im Land mitgestalteten. Nach der Vorstellung aller Jugendlichen, die aus dem John-Brinckman-Gymnasium Güstrow, der Beruflichen Schule mit dem Fachgymnasium Wirtschaft und der Regionalen Schule Jördenstorf kamen, stand fest, dass fast alle einen für Jungen typischen Ausbildungsweg anstreben. Chris Walek war da mit seinem "gemischten Beruf" die Ausnahme.

Aber genau den Blick dafür sollte die Jungstag-Premiere schärfen. Alexander Knipper von "A-HA Anschluss halten", dem "Regionalen Übergangsmanagement Schule-Beruf im Landkreis Rostock", bekräftigte: " Jungen ab der 5. Klasse sollten ihr geschlechtsspezifisches Rollenverständnis reflektieren sowie ein erweitertes Verständnis von Berufs- und Lebensplanung gewinnen." Dazu kam, eher untypische Berufe für Jungen vorzustellen.

Reagiert wird mit dem Jungstag aber auch auf die demografische Entwicklung. Katrin Langer, Berufsberaterin in der Arbeitsagentur Rostock: "Kamen vor einigen Jahren auf einen Ausbildungsplatz vier bis fünf Bewerber, haben wir gegenwärtig im Agenturbereich Rostock 1000 Lehrstellen mehr als Schulabgänger."

Zu dem Gespräch waren u.a. Martin Biemann, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft, und Olav Paarmann, Geschäftsführer des Gästehauses, eingeladen. Paarmanns Unternehmen steht als Beispiel für eine Frauen-Berufsdomäne, auch wenn gegenwärtig der Ausbildungsberuf Kaufmann für Freizeit und Tourismus mit mehr Einsatzchancen angeboten wird. Von seinen 30 Mitarbeitern sind nur fünf Prozent Männer. Paarmann kennt den Hauptgrund, die schlechte Bezahlung. Das passt in ein bei Eltern weit verbreitetes Klischee, das sie Söhnen bei der Berufswahl mit auf den Weg geben: "Lerne etwas Vernünftiges und etwas, wo du gut verdienst."

Katrin Langer, 21 Jahre in der Berufsberatung, kennt natürlich auch die wirklich grundlegenden Argumente für eine Berufswahl, zu denen persönliche Lebensentwürfe, Vorstellungen über den Beruf mit Arbeitszeiten und Verdienst oder ein eigenes Lebenskonzept mit oder ohne Familie gehören.

Das alles wurde diskutiert. Für Sebastian Singer und Chris Walek bedeutete das zwar nicht, dass sie ihrem jetzigen Berufswunsch entsagt hätten. Aber außerhalb der Schule und des Elternhauses über den beruflichen Werdegang in alternativen Zweigen zu sprechen, hatte für beide einen Wert.

Jungstag soll im Landkreis keine Eintagsfliege bleiben

Unterschiedlich genutzt wurden die 150 Schnupper-Plätze in 50 Unternehmen. Viele blieben leer, wie z. B. im Pflegeheim "Am Rosengarten" Güs trow. "Das war schade, denn der Beruf des Altenpflegers ist auch ein Männerberuf", sagte Leiter Berndt Lippert. Man höre oft, Altenpfleger könne jeder, "es ist aber fachlich sehr anspruchsvoll". Ursprünglich sei Pflege den Frauen vorbehalten gewesen. Nicht zuletzt wegen der demografischen Entwicklung und der körperlichen Kraft, die benötigt werde, werde das Image des Pflegers männlich. "Wir haben im Moment nur einen männlichen Azubi, das könnten mehr sein", so Lippert.

Der Jungstag soll keine Eintagsfliege bleiben. Das betonen Alexander Knipper und Roswita Dargus, Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises. "Wir wollen noch mehr mit Lehrern sprechen und wir wollen über längere Praktika reden", sagte Dargus. Als Vorteil in der weiteren Diskussion sieht sie, dass im Berufsorientierungsprogramm jetzt die geschlechterspezifische Berufswahl thematisiert worden ist.

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