Launiger Jahresrückblick : Überholen ohne einzuholen

Poller statt Blumen: Dankbar huldigten Stadtvertreter der Verwaltung für den optischen „Verbesserungseffekt“ am Güstrower Pferdemarkt. Wofür eigentlich genau?
Poller statt Blumen: Dankbar huldigten Stadtvertreter der Verwaltung für den optischen „Verbesserungseffekt“ am Güstrower Pferdemarkt. Wofür eigentlich genau?

Ein etwas launiger Jahres-Rückblick: Kommunalpolitik und mehr auf die Schippe genommen

svz.de von
31. Dezember 2016, 12:41 Uhr

„Vor uns liegt ein wunderbares Jahr.“ So hatte Laages Bürgermeisterin Ilka Lochner-Borst ihren lokalen Ausblick auf 2016 überschrieben. Dass es ihr letztes Jahr werden würde in der Recknitzstadt – ob sie das damals also wohl doch schon gewusst hatte? Die Politprofin überspringt damit Karrierestufen, ist für einen wichtigen Posten in Berlin vorgesehen. Wunderbar!

Überholen, ohne einzuholen – da war Lochner dieses Jahr nicht allein in der Region. Angeblich hätte ein gewisser Walter Ulbricht, viele Jahre mächtigster Mann im Osten Deutschlands, diese Losung verkündet. Alte Wirtschaftsforschergenossen bestreiten das heute, reklamieren den Sinn oder Unsinn dieser Propagandaerfindung für sich. Angesichts der hoffnungslosen Rückständigkeit der DDR-Wirtschaft im Vergleich mit dem Westen überdauerte die als Bonmot, an dem sich heute noch manche üben. Ob man auf diese Weise tatsächlich schneller vorankommt?

Katy Hoffmeister hat das jedenfalls geschafft. Nur hauchdünn war die CDU-Frau bei der letzten Landratswahl an Sebastian Constien gescheitert. Alle Welt handelte sie von nun an als heißeste Kandidatin für den Ersten Beigeordneten. Der wird 2017 neu gewählt. Nicht, dass sie sich dem Sozi Constien unterordnen sollte, nein. Sondern weil das ein ideales Sprungbrett auf den Chefsessel gewesen wäre, wenn der junge Boss einst als Minister nach Schwerin gerufen wird.

Den hat auf diesem Weg eine Satowerin en passant links liegen gelassen: Stefanie Drese. Und kurz darauf auch noch die Hoffmeister, als dem Schweriner Boss der Justizminister abhanden kam – zack, überholte auch die Doberanerin den Landrat. Soll der doch Landrat bleiben!

Überholen ohne einzuholen, dieses Motto reklamiert auch eine neue Partei für sich und sitzt auf diese Weise als zweitstärkste im Landtag. Die hat den Trump schon mal vorgemacht: viele Losungen, keine Lösungen, kein Programm, keine Leute, aber ohne diese Politik machen! Im Landkreis Rostock jedenfalls kennt keiner die Kandidaten. Sogar gleich drei Güstrower im Parlament – nur keiner aus der AfD. Dabei hatte ihr Möchtegernpolitiker Johannes Salomon sogar bei Leni Riefenstahl gekupfert, um sich effektvoll ins Bild zu setzen: stählerner Teint, stechender Blick, blondgescheitelt – so muss ein volksdeutscher Junge aussehen. Wieder so einer in Schwarz-Weiß statt bunt. Dumm nur (oder besser: gut so), dass 87,440693 Prozent des Wahlvolkes in Mecklenburg und Vorpommern das nicht wollte. So verdreht man Statistik! Von wegen Volkspartei.

Auch das geht: Überholen ohne einzuholen – in die entgegengesetzte Richtung. Vorgemacht von Steffen Camenz. Der Güstrower Stadtvertreter (CDU) bombte die Sitzungstransparenz ins 20. Jahrhundert zurück. Dabei war die Barlachstadt doch so offenherzig: öffentliche Ausschusssitzungen, öffentliche Protokolle darüber im Internet, wer hat das schon noch? Nachdem diese Art Information für die Bürger eine Weile gut ging, der Bruch: Keine Protokolle mehr ins Netz, bevor diese nicht abgesegnet sind. Das dauert Monate – bis es keinen mehr interessiert. Aber es geht noch toller: Seit der revolutionären Alterung kann niemand auch nur nachlesen, welche Themen überhaupt diskutiert wurden. So geht Verarsche!

Und auch so: Nach einem Jahr wieder eingekriegt haben sich Krakows Stadtvertreter. Was alle schon vorher gewusst haben: In Sachen Wokra ist nichts zu holen, von wegen Schadensersatzanspruch. Aber zurückrudern am großen See? Ne, das würde keinem über die Lippen kommen. Schließlich hat alles auch schon Geld verbraucht, das doch eigentlich etwas hereinholen sollte. Steuerzahler, Mitarbeiter und Mieter werden’s schon richten.

Überholen ohne einzuholen, das kann auch der Landkreis. Der hat nach längerem Verrottungsprozess seine Schautafel am Eingang des Kreishauses wieder reaktiviert. Bloß: Wozu? Abgesehen von mysteriösen Zuordnungen von offenbar willkürlich ausgewählten Orten auf neu gestalteter Hintergrund-Landkarte (Teterow, Bützow, Bad Doberan als ehemalige Kreisstädte – klar. Aber Schwaan und Gnoien, jedoch nicht Laage und Krakow am See – hä!?), geschenkt: Da hängen sowieso meistens Zettel drüber. Nur kann die keiner wirklich lesen: Mal schwitzt der Kasten und vernebelt Scheibe und Inhalt, und ohnehin sind die klassischen Schreibmaschinenbuchstäbchen aus der Ferne nur mit Theaterglas lesbar. Aber, schon setzt der Landkreis zum Überholvorgang an: Bald gibt’s ein Infoheftchen in alle Haushalte, wird verkündet. Niemand muss sich dann noch zur nutzlosen, erneuerten Tafel bequemen.


…und dann stand da noch eine Bank


…und dann stand da ja noch eine Bank. Die sollte weg. Und mit ihr Leute, die sie manchmal anders nutzen als der gemeine Homo Sapiens Güstrowensies. Und die per Beschluss als so gar nicht ins schöne Stadtbild passend deklariert werden sollten. Debatte hin, Debatte her – am Ende störten plötzlich nur noch Kübel. Blumen-Kübel. Solche aus Beton, die sind ja noch aus Ostzeiten, sehen hässlich aus – wie die so die den Markt verbarrikadieren (Was ja in dieser irren Zeit der Irren durchaus auch Zweck erfüllen könnte.). Jetzt also sechs Poller statt alter Blumentöpfe. Schön! Während man die alten Hindernisse noch hätte schmücken können – mit Blumen etwa – stehen die neuen nur kahl und schwarz und stumm. Für bunte LED-Belichterung hat’s nicht mehr gereicht, wie Stadtvertreter Gerhard Jacob sarkastisch bemerkte, nachdem er sich dankbar lobend (warum eigentlich?) für die „Neugestaltung“ des Nordzugangs zum Güstrower Pferdemarkt äußerte. Immerhin: Blinde können die neuen Poller „sehen“, freut sich der Bürgermeister. Dabei sind die gar nicht neu, sondern gebrauchte, die auf Markt und Domstraße schon mal überfahren worden sind. Da hatten sie noch ihre Tannenbaumbeleuchtung – und wurden dennoch über-sehen, und zwar von angeblich Nichtblinden. So verrückt ist die Welt, wer soll das verstehen? Die Bank aber steht immer noch da. Und mit ihr die Leute, die von ihr Besitz ergreifen. Und auch das ist irgendwie gut so.

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