Güstrow : Über das Theater zum Job

Szene aus dem Theaterstück „A.I.D.A. Crisis – Frauen und Kinder zuerst“ im Güstrower Bürgerhaus. Fotos: Christian Menzel
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Szene aus dem Theaterstück „A.I.D.A. Crisis – Frauen und Kinder zuerst“ im Güstrower Bürgerhaus. Fotos: Christian Menzel

In sieben Monaten erarbeiteten und probten Arbeitslose unter der Anleitung des Rostocker Theaterschaffenden Steffen Schreier das Stück "A.I.D.A. Crisis - Frauen und Kinder zuerst".

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09. Mai 2013, 06:24 Uhr

Güstrow | Ganz am Anfang befragt Projektleiterin Sabine Stein eine Zuschauerin, ob sie sich vorstellen könne, in einem Theaterstück mitzuwirken, anschließend ein Praktikum zu absolvieren und danach einen Arbeitsplatz zu haben. "Ein ungewöhnlicher Weg", antwortet die Gefragte. Aber genau dieses Angebot unterbreiteten die Jobcenter in Güstrow und Bad Doberen 22 arbeitslosen, alleinerziehenden Müttern. In sieben Monaten erarbeiteten und probten sie unter der Anleitung des Rostocker Theaterschaffenden Steffen Schreier das Stück "A.I.D.A. Crisis - Frauen und Kinder zuerst". Am Dienstagabend gab es die Premiere im Bürgerhaus, am Mittwoch folgte eine zweite Aufführung. Ab Montag beginnt die zweite Phase des Projekts: ein fünfmonatiges Praktikum in Betrieben der Region.

Für ihre Inszenierung nutzten die Schauspieler Saal, Rang und Bühne des Bürgerhauses. Das Stück spielte im Maschinenraum, in der Mannschaftskabine, am Kommandostand oder an der Bar - und die Zuschauer immer mittendrin und hautnah dabei; auch bei der Handlung, die die Besucher in ein Wechselbad der Gefühle stieß. Eben noch erzählt die Kapitänin zotige Witze - "Wie nennt man einen Matrosen, der sich nie wäscht? Antwort: Meerschwein" - , da schildert eine Darstellerin im Monolog ihren einsamen Kampf gegen Magersucht. Eben noch unterhalten zwei Clowns das Luxusschiff-Publikum mit ihren Späßen, da berichtet eine Frau von ihr angetaner sexueller Gewalt. In starken Auftritten erzählen Frauen von Alltagsdiskriminierung, schweren Kindheitstraumate, häuslicher Gewalt oder dem einsam ausgetragenen Konflikt für oder gegen das in ihnen heranwachsende Leben. Mit atemloser Stille verfolgt das Publikum diese Momente, mit Beifall und befreiender Heiterkeit quittiert es die vielen komödiantischen Höhepunkte der Inszenierung.

Die arbeitslosen Frauen formulieren im Programmheft ihre Jobwünsche. Manche möchten im Büro arbeiten, andere sich zur Altenpflegerin ausbilden lassen, wieder andere können sich vorstellen, eine Verkaufsfiliale zu leiten. Die Güstrowerin Alina Pappers, alleinerziehende Mutter zweier Kinder (5 und 7 Jahre), möchte Schauspielerin werden. "Ich hatte vorher viele Zweifel. Aber diese Projektarbeit hat mich in meinem Wunsch nach diesem Beruf bestärkt und mich bestätigt. Ich weiß, dass der Weg schwer und steinig wird, aber ich habe mir in diesem Team auch die Kraft geholt, ihn zu gehen", sagt die 26-Jährige nach der Aufführung. Auf eine Bestätigung für ein Praktikum am Volkstheater Rostock wartet sie allerdings noch. Andere Frauen hatten mehr Glück, kamen unter anderem unter in der VS-Sozialstation Bützow, in der Diakonie-Sozialstation Schwaan oder in der Seniorenwohnanlage "Am Fischteich" in Laage unter.

"Parallel zur Arbeit an dem Theaterstück absolvierten die Projektteilnehmer ein Bewerbungstraining, Biografiearbeit sowie berufliche Qualifizierung als Vorbereitung auf das Praktikum", berichtet Maria Siegl, Sozialpädagogin beim Kooperationspartner "ibs" GmbH Rostock. Das Projekt "JobAct" wurde erstmals im Auftrag der Jobcenter Güstrow und Bad Doberan begonnen, ist aber kein Einzelfall. Ähnliche Projekte initiiert die in Witten im Ruhrgebiet ansässige Projektfabrik gGmbH seit 2006 an 46 Standorten in Deutschland. Sie erreichte damit über 3000 Menschen.

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