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Güstrower Anzeiger

24. September 2017 | 01:25 Uhr

Video : Terrorverdacht: Razzia in Güstrow

vom

Terror-Ermittlungen im Landkreis Rostock: Gleich mehrere Objekte werden durchsucht, Verdächtige in Gewahrsam genommen. Zu Details schweigt die Bundesanwaltschaft. Innenminister Caffier sieht das Land gegen „Gefährder“ gewappnet.

svz.de von
erstellt am 26.Jul.2017 | 10:22 Uhr

In Güstrow wurde möglicherweise ein terroristischer Anschlag vorbereitet. Ein Großaufgebot schwerbewaffneter Polizeieinheiten stürmte am Mittwoch mehrere Wohnungen in der Barlachstadt, unter anderem im Bärstämmweg, und ein Haus und eine Garage in Boldebuck (Landkreis Rostock).  Neben dem Spezialeinsatzkommando (SEK) des Landeskriminalamts war auch die GSG 9 der Bundespolizei am Einsatz beteiligt.  Ebenfalls waren der Munitionsbergungsdienst und mehrere Sprengstoffspürhunde  vor Ort.

„Durch die konsequente Ermittlungsarbeit aller Beteiligten konnte eine konkrete Gefahrenlage verhindert werden“, teilte Innenminister Lorenz Caffier (CDU)  nach dem Einsatz mit. Die Ermittlungen hat die Bundesanwaltschaft wegen der „besonderen Bedeutung“ des Falls übernommen, sagte ein Sprecher der Behörde in Karlsruhe gegenüber unserer Redaktion.  Die Durchsuchungen  seien wegen des Verdachts der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden  Gewalttat erfolgt. Drei Männer seien von der Polizei in Gewahrsam genommen worden, bestätigte der Behördensprecher. Nähere Angaben zu den Personen wollte  er aus ermittlungstaktischen Gründen nicht machen.

Foto: Stefan Tretropp

Nach  Informationen unserer Redaktion soll es sich zumindest bei einem  der   drei Beschuldigten um einen Bosnier handeln, der der islamistischen Szene zugerechnet wird. „Die betroffenen Personen hat der Landesverfassungsschutz schon länger im Blick“,  teilte das Innenministerium  mit. Die Einstufung als islamistische Gefährder erfolgte offensichtlich erst in diesem Jahr.

Keine Angaben machten Bundesanwaltschaft und Polizei über das Ergebnis der Durchsuchungen und ob Sprengstoff gefunden wurde.  Aus Ermittlerkreisen hieß es, dass nichts über konkrete Pläne der Beschuldigten für einen Anschlag bekannt sei.

Die AfD im Schweriner Landtag warf Caffier vor, „den Überblick über die Sicherheitslage verloren“ zu haben, da er noch im Juni erklärt habe, dass es keine Gefährder im Land gäbe. Dem widersprach der Minister: „Ich habe immer betont, dass nicht ausgeschlossen werden kann, dass auch Mecklenburg-Vorpommern als Rückzugsort für potenzielle Attentäter genutzt wird.“

Wir haben uns am Ort des Geschehens in Güstrow umgehört

Eine Frau mittleren Alters blickt am Mittwochvormittag aus dem Fenster eines Wohngebäudes im Güstrower Bärstämmweg. Ob sie etwas von dem großen Polizeieinsatz mitbekommen habe, wollen die Reporter vor Ort wissen. In den frühen Morgenstunden ist hier ein Antiterroreinsatz über die Bühne gegangen, der sich, laut Bundesanwaltschaft, gegen islamistische Gefährder gerichtet haben soll. Auch in Boldebuck und an mindestens zwei weiteren Standorten in Güstrow gab es derartige Aktionen.

Die  Frau  am Fenster deutet auf den Eingang mit der Hausnummer 19. Bei dem Ausländer seien die vermummten Polizisten gewesen, erklärt die Dame, die lieber anonym bleiben will. Die Rede ist von Emir H.. Der Mann Mitte 20 lebe schon seit zehn oder elf Jahren mit seiner Familie hier, habe noch zwei Brüder – der Ältere habe in der Nummer 17 gewohnt, ein anderer in einem Dorf in der Nähe. „Eine nette Familie, immer hilfsbereit“, erklärt die Frau überzeugt, obgleich sie auch ausführlich von Verbindungen der drei Brüder ins Drogenmilieu berichtet. Dass es um Drogen ging, wisse hier im Bärstämmweg doch jeder, fügt die Anwohnerin hinzu. An einen Antiterroreinsatz hat hier niemand gedacht.

Auch sei es nicht der erste Einsatz dieser Art in dem grauen Wohnblock am Stadtrand von Güstrow gewesen. Erst vor vier Monaten seien vermummte Polizisten in der Wohnung des älteren Bruders gewesen, hätten die Tür regelrecht aufgesprengt, zwei Handys und den Laptop mitgenommen. Auch er sei kurzfristig festgesetzt worden. „Danach ist er in einer Nacht- und Nebelaktion verschwunden“, hat die Anwohnerin beobachtet. Seither habe sie auch Emir H. nicht mehr so häufig gesehen. Das bestätigen auch andere Anwohner. Der silberfarbene Mercedes mit dem auffälligen Frontschaden, der vor dem Hauseingang geparkt worden war, sei bestimmt drei oder vier Wochen nicht bewegt worden, berichten zwei weitere Frauen. Am  frühen Morgen hätten die Beamten den Pkw sogar mit Spürhunden durchsucht und gegen Mittag drehte ein Beamter der Spurensicherung das Fahrzeug auf links.

Foto: rmai

Für die Anwohner in Güstrows Problemviertel Bärstämmweg war es trotz allem irgendwie ein alltäglicher Morgen. „Hier ist doch ständig irgendwas“, bringt es eine weitere Anwohnerin auf den Punkt. Ob nun der Hubschrauber komme, das SEK anrücke oder ein Krankenwagen vor der Tür  stehe – sie gucke nicht mehr aus dem Fenster. „Das muss ich alles gar nicht wissen“, ergänzt sie.

Stadtpolitik überrascht und schockiert

Hat der Islamismus Güstrow erreicht? „Das ist mir gänzlich unbekannt und völlig neu“, zeigte sich Bürgermeister Arne Schuldt überrascht. Er hatte zuerst auf der SVZ-Internetseite   von dem Antiterroreinsatz erfahren. „In dieser Richtung hat es meiner Erkenntnis nach bisher keine Hinweise in Güstrow gegeben.“ Als Bürgermeister steht er in ständigem Kontakt zur Polizei. Eine „gute Werbung“ sei das nicht für die Stadt, so Schuldt. So sieht es auch Stadtpräsident Andreas Ohm (CDU): „Ich bin schockiert.“ Für Torsten Renz, CDU-Landtagsabgeordneter aus Güstrow, ist der Islamismus hingegen ein Thema, das man nicht an einem Ort festmachen könne. „Ich bringe Güstrow auch weiterhin nicht mit dem Islamismus in Beziehung“, so Renz.  Genau wie er, begrüßt  der Güstrower SPD-Landtagsabgeordnete Philipp da Cunha, dass die deutschen Sicherheitsorgane diesen Fall aufgedeckt haben. „Islamisten sind mir bisher in Güstrow nicht aufgefallen. Und ich habe schon viele persönliche Erfahrungen  unter anderem mit Flüchtlingen gemacht“, sagt da Cunha.

Ganz anders die Linken-Landtagsabgeordnete Karen Larisch, die sich in Güstrow in der Ausländer- und Flüchtlingsarbeit engagiert. „Dass wir hier wachsam sein müssen, habe ich schon immer gesagt“, sagt sie. Bei einer Gesprächsrunde in Güstrow seien ihr  im vergangenen Jahr zwei junge Zugewanderte wegen islamistischer Äußerungen aufgefallen. Diese Äußerungen seien im Zusammenhang mit der Koran-Verteilung in Rostock gefallen, bei der einer dieser Beiden  aus Güstrow dabei war. „Das geht gar nicht. Wir haben sie vor die Tür gesetzt und  die Polizei informiert“, sagt Larisch. Von islamistischen Tendenzen würden sich vor allem die anderen Muslime in Güstrow, die sie kennt, klar distanzieren. „Ich warne deshalb vor Pauschalverurteilungen.“

 

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