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"Pistolen-Prozess" : Tat wie eine öffentliche Hinrichtung

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Das Landgericht Rostock verurteilte am Donnerstag den 24-jährigen Sebastian R. im "Pistolen-Prozess" zu einer Haftstrafe von von zwei Jahren und vier Monaten.

svz.de von
erstellt am 28.Apr.2011 | 08:37 Uhr

Rostock/Güstrow | Die 3. Große Strafkammer des Landgerichtes Rostock verurteilte gestern den 24-jährigen Sebastian R. aus Serrahn wegen Bedrohung in Tateinheit mit unerlaubten Besitzes, Führens und Anwendens einer halbautomatischen Waffe sowie Besitzes von Munition zu einer Haftstrafe von zwei Jahren und vier Monaten.

Staatsanwalt und Verteidiger: Bewährung

Diese hohe Freiheitsstrafe traf den Angeklagten, seinen Verteidiger und den Vertreter der Staatsanwaltschaft völlig unvorbereitet. In seltener Übereinkunft hatten Anklage und Verteidigung für eine einjährige Bewährungsstrafe plädiert. Das Gericht ging aber davon aus, dass es in der Diskothek "Night Fly" in Güstrow zwischen Sebastian R. und Henry B. (26) aus Wilhelminenhof am 31.Oktober 2009 zu einer verbalen Auseinandersetzung kam, worauf der Angeklagte mit Freunden die Disko verlassen musste. Aus Kränkung fuhr er nach Hause, holte seine Waffe, eine mit vier Schuss geladene Pistole aus dem Zweiten Weltkrieg.

Im Gebüsch vor der Disko wartete er auf Henry B.. R. zog seine Pistole, richtete sie auf den Kopf und drückte dreimal ab. Ein Schuss löste sich nicht. Jetzt senkte er die Pistole und zog den Abzug. Inzwischen hatte sich Henry B. vom ersten Schreck erholt. Mit Freunden und Ordnern rang er den Angeklagten nieder.

"Das war kein Kavaliersdelikt", sagte der Vorsitzende Richter. "Soll das ein Witz sein?", fragte er in Richtung Staatsanwalt und Verteidigung. "Da spaziert einer mit einer geladenen scharfen Pistole durch Güstrow, bedroht einen Menschen. Eine nachhaltige Strafe muss auf dem Fuße folgen, als Warnung für andere."

Kammer: keine Notwehrsituation

Im Gegensatz zur Anklage und Verteidigung vertrat das Gericht die Ansicht, dass R. kein umfassendes Geständnis abgelegt habe. Er hätte nicht gesagt, von wem er die Waffe hatte. Auch eine Notwehrsituation wies die Kammer zurück. Erst eine Stunde nach der Auseinandersetzung in der Disko sei der Angeklagte wieder erschienen und hätte sich im Dunklen versteckt, um dem Opfer aufzulauern. Der Angeklagte sei in keiner Weise bedroht worden. Und trotz der 2,53 Promille Alkohol sei die Einsichtsfähigkeit des Angeklagten nicht beeinträchtigt gewesen. Aber ein Tötungsvorsatz, wie ursprünglich angenommen, wurde R. nicht nachgewiesen. Dass der Angeklagte sich bei B. entschuldigte und die Tat eineinhalb Jahre zurückliegt, wurde zu seinen Gunsten ausgelegt. Strafverschärfend war seine kriminelle Energie bei der Tat und dass er wegen Waffenbesitzes strafrechtlich in Erscheinung getreten war . "Das Opfer war zu Tode erschrocken", sagte der Richter. "Die Tat trug den Charakter einer demonstrativen öffentlichen Hinrichtung." Ein Revisionsantrag gegen das Urteil kann gestellt werden.

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