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70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges: : Tabakpflanzen brachten Geld für Familie

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Aus der Redaktion des Güstrower Anzeiger

Güstrower Zeitzeuge erinnert sich an die schwere Zeit der Vertreibung und des Neuanfangs in Weitendorf

svz.de von
erstellt am 13.Mai.2015 | 04:00 Uhr

70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges gehen auch die Gedanken von Otto Pürschel weit zurück. Denn noch immer lässt den heute 83-Jährigen, dessen Familie einst aus der Neumark östlich von Frankfurt/Oder vertrieben wurde und der seit nunmehr 60 Jahren in Güstrow lebt, das damals Erlebte nicht los.

Nach der ersten Veröffentlichung in unserer Zeitung am 8. Mai hier nun weitere Auszüge aus seinen Erinnerungen, die Otto Pürschel aufschrieb:

1947 in Weitendorf: Nach der harten Zeit von Flucht und Vertreibung hatten wir endlich wieder ein „Zuhause“. Doch wir fühlten uns in der neuen Heimat fremd. Nein, ein „zu Hause“ war es nicht, aber ein Dach über dem Kopf. Wir lagen nicht mehr auf der Straße. Dieses neue „Zuhause“ war die ehemalige Schnitterkaserne, in der die Schnitter während der Saison untergebracht waren. Damals war die Schnitterkaserne voller Flüchtlinge. Es war ein Haus ohne sanitäre Einrichtungen. Wasserleitungen gab es nicht – vier Häuser weiter stand eine Pumpe. Die Toilette war ein „Donnerbalken“ auf dem Hof. Zum Gut Weitendorf gehört auch ein schöner Park. Das Schloss war schon eine Ruine, als wir dort ankamen. Als die Russen kamen, wurde es in Brand gesetzt und brannte völlig aus.

Auf den Grundmauern dieses Schlosses wurde später das Verwaltungsgebäude des Volkseigenen Gutes Weitendorf erbaut. Von der Mitte des Schlosses zur Kirche hin war durch den Park eine Sichtachse mit mehrhundertjährigen Linden. Der Park hat auch zwei miteinander verbundene Schlossteiche und einen Eiskeller. Als das VEG dort ein Lehrlingsheim einrichtete und einen Sportplatz baute, wurde alles abgeholzt.

Hinter dem Eiskeller standen einige Obstbäume. Dort wurde später eine kleine Baracke aufgestellt, in der sich ein Kindergarten einrichtete.

Einige Flüchtlinge, die die Schnitterkaserne bewohnten, waren aus Danzig. Sie fanden nach und nach Verwandte und zogen aus. So bekamen wir bald eine Stube oben am Westgiebel. Nun konnten wir uns auch um „Möbel“ bemühen. Bretter lagen überall umher. Damit zimmerten wir uns eine Pritsche, so dass wir nicht mehr auf dem Fußboden schlafen mussten. Einen Tisch und einige Schemel fanden sich auch an. So hatten wir bald eine „Stube“.

Irgendwann im Jahre 1946 wurde in Weitendorf die Schule wieder in Gang gebracht. Das alte Schulgebäude steht noch heute neben der Kirche. Im Hause waren zwei Klassenräume und die Lehrerwohnung. Ein Raum war für die Klassen 1 bis 4 und der andere für die Klassen 5 bis 8.

Einige Kinder waren aus dem Dorf, das waren die „Einheimischen“, die meisten Kinder waren aber Flüchtlinge. Die Einheimischen waren Willi und Hans Höpner, Ulrich Rachow, Hans-Dieter Lange, genannt „Puster“, Otto Schippmann, Lotti Stange, Inge Giese, Inge Rachow und andere. Zu den Flüchtlingen gehörten Horst Wiese, Kurtchen Abel, Ali Rojahn, Gerhard und Erika Aderkast, Günter Falk, Karl-Heinz und Horst Knoll, Albert und Dieter Schlaak, Gisela Weckwerth, Lole Gust, viele Kinder der Familie Hermann aus Danzig, Hermann und Günter Sach usw. Die Flüchtlinge waren in der Überzahl. Da ich in Schermeisel die 7. Klasse abbrechen musste, weil die Russen kamen, wurde ich in die 8. Klasse gesetzt. Wegen der vielen Flüchtlinge im Dorf war der Klassenraum überfüllt. Schulbücher gab es noch nicht. Schreibpapier und Hefte waren knapp. Aber die Schule funktionierte.

Bald verließen die Russen das Dorf und sie setzen einen Gutsverwalter ein, der hieß Lorek. Wir erhielten ein Stück Gartenland hinter dem Schweinestall. Vorher war es der Auslauf für die Schweine. Als Gartenland also gut geeignet. Nun bauten wir unser Gemüse selbst an. Aber auch Tabak. 49 Pflanzen waren steuerfrei. Und 49 Pflanzen habe ich eingesetzt. Sie wurden über zwei Meter hoch.

Als die Erntezeit kam, zog ich die Blätter auf Draht und hängte die „Girlanden“ zum Trocknen unter das Dach. Später bündelte ich die getrockneten Blätter und verstaute die Bündel in einem großen Rucksack. Damit machte ich mich zu Fuß auf den Weg nach Güstrow. Am Markt gab es einen Zigarrenladen Brunow. Dort tauschte ich den Tabak gegen 960 Zigaretten ein, Marke „Unitas", hergestellt in Schwerin. Die meisten Zigaretten habe ich dann verkauft, eine Schachtel mit 20 Stück für 20 Mark. Ami-Zigaretten kosteten damals das Doppelte. Aber wir hatten etwas Geld und konnten in Laage oder Kritzkow einkaufen.

Unsere Mutter wurde eingeteilt, einen Jungschweinetransport zu entladen. Für die Mastanlage des Gutes wurden von Zeit zu Zeit Jungschweine von etwa 30 Pfund zugekauft. Sie wurden auf einem Traktorenanhänger transportiert. Ein Schwein lag am Boden und zuckte nur noch. Es hat den Transport nicht überstanden und wurde von meiner Mutter in eine Ecke gelegt und als es dunkel geworden war, in einen Sack gesteckt und nach Hause geholt. Abends gab es Kohlrübeneintopf mit Schweinefleisch. Alle hatten gut gegessen und danach gut geschlafen.

Im Herbst war Sirupzeit. Auf dem abgeernteten Acker sammelten wir übrig gebliebene Zuckerrüben. Diese Rüben wurden dann gewaschen und mit einem Stampfeisen oder Spaten zerkleinert. Im großen Waschkessel kochten wir die geschnitzelten Rüben, um sie anschließend auszupressen. Der Saft kam wieder in den Kessel und kochte stundenlang bis er dickflüssig wurde. Danach war der Sirup gut und für die Abfüllung bereit. Dann war die Nacht vorbei und wir konnten wieder ein Jahr lang Sirupstullen essen.

Damals stand zwischen Weitendorf und Levkendorf, aber näher an Weitendorf, eine Holländerwindmühle. Der Müller hieß Fritz Schlaack und stammte aus Westpreußen.

Wenn die Neubauern aus Levkendorf und der näheren Umgebung kamen und ihr Getreide brachten, das zu Mehl oder Schrot vermahlen werden sollte, durfte ich schon öfter die Dezimalwaage bedienen und die Menge ansagen oder aufschreiben.

Vormittags war Schule, aber nachmittags war ich in der Mühle.

Im März 1947 war die Schulzeit zu Ende. Ich erhielt mein Zeugnis und niemand sagte mir, wie es weitergeht. Aber ich hatte ja meine Mühle. Dort hatte ich meine Beschäftigung und die machte mir Spaß.

Am 1. August 1947 hat mich der Müller Schlaack dann beim VEG als Müllergeselle angemeldet. Nun erhielt ich auch Lohn, monatlich etwa 120 Mark. Das war mein erstes selbst verdientes Geld.


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