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Ede Geyer in Güstrow : Sympathischer „Ede gnadenlos“

vom
Aus der Redaktion des Güstrower Anzeiger

Fußball-Legende Eduard Geyer begeisterte in AWG-Buchlesung mit literarischen „Einwürfen“ über Fußball, Gott und die Welt und das Leben.

Thomas Wiechmann kam in einem Dynamo-Dresden-Trikot zur 8. AWG-Buchlesung. Der Baumgartener wollte dem Autor seine Reverenz erweisen, denn der Protagonist des Abends am Dienstag im Kurhaus am Inselsee war die Fußball-Legende Eduard „Ede“ Geyer, 23 Jahre Fußballer und Trainer bei dem sächsischen Spitzenklub (wir berichteten kurz). Außerdem bekannt als Bundesliga-Trainer von Energie Cottbus (zehneinhalb Jahre) und als letzter Coach des DDR-Nationalteams. Geyer stellte vor ausverkauftem Haus sein Buch „Einwürfe“ vor, in dem es um Fußball, Gott und die Welt und das Leben geht, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Wiechmann ließ es sich signieren. „Ich bin Dynamo-Mitglied und fahre zu vielen Spielen. Fan wurde ich 1973 nach den legendären Spielen gegen Bayern München“, erzählte er.


Legendäres Länderspiel Anlass für sein Buch


Thomas Wiechmann lernte wie alle anderen Besucher einen sympathischen Ede Geyer kennen. Keine Spur vom Trietzer, Disziplinfanatiker, Choleriker am Spielfeldrand oder wie die FAZ einmal schrieb „ein knorriger Sachse mit einem gnadenlosen Feldwebel-Stil… „Beschreiben diese Attribute wirklich Ihre legendären Trainingsmethoden“, wollte Moderator Kai Suttner wissen. Der gebürtige Oberschlesier (Jahrgang 1944) gab frank und frei zu, von allem etwas zu haben. Weil er sonst seine Mannschaften hätte nicht voranbringen können. Und die begeisterten Besucher hörten auch gleich nach der nächsten Frage, dass der Spieler Geyer mit diesem Trainer Geyer auch gut ausgekommen wäre.

Alles nachzulesen in Geyers Buch, in dem in einem Frage-Antwort-Spiel sein Leben Revue passiert. Anlass für den Rückblick und das Buch, das 2015 erschien, war ein legendäres Datum, der 12. September 1990. An dem Tag fand gegen Belgien das letzte Länderspiel der DDR-Nationalmannschaft statt. Sie gewann mit 2:0, auch dank ihres Trainers Eduard Geyer. Allerdings hatte er wegen der „Arroganz und Dummheit der Funktionäre in den West-Vereinen“ 22 Absagen von Spielern auf dem Tisch. Für ihn damals „Sabotage“. 14 kamen dann doch noch.

Ein Frage-Antwort-Spiel wählte auch Suttner für den Abend. Sympathiepunkte sammelte Ede z.B. mit einer Liebeserklärung an das Ostsee- und Hansa-Land. Dazu hätte auch eine Trainer-Aufgabe gepasst. Aber es gab keine Anfragen von Hansa.

Die Berufung als letzter DDR-Nationaltrainer in einer dem Ende zugehenden Republik sah er damals als Auszeichnung. Mit der Wende hadert er nicht, sie hätte fußballerisch nur vier Wochen später kommen müssen. Dann hätte die DDR die WM-Qualifikation geschafft, meint Geyer. Schon ein Remis hätte gegen Österreich gereicht. So sei aber bei vielen Spielern in dieser politischen Situation der Kopf nicht frei gewesen. Ein 0:2 war die Folge.

Ede Geyers Fußballer-Karriere stagnierte nach Berufungen in die U18- und U23-Nationalmannschaften. „Ich galt als Riesentalent, aber ich war für das A-Team einfach nicht gut genug“, konstatiert er emotionslos. Schadlos hielt er sich als Verteidiger bei Dynamo Dresden und als Trainer mit zwei Meistertiteln und einem Pokalsieg.


Bayern-Schmach als Cottbus-Trainer getilgt


Da reicht nur noch Cottbus heran. Denn auch der Aufstieg 2000 mit Energie in die Bundesliga und das Pokalfinale als Drittligist gegen Stuttgart waren für ihn Höhepunkte in seinem Fußball-Leben. „Es war schön für mich, dass die arroganten Arschlöcher aus dem Westen ins Stadion der Freundschaft kommen mussten, ob sie wollten oder nicht“, hatte er die Lacher auf seiner Seite. Als dann auch noch die Bayern geputzt wurden, war fast die Dresden-Schmach im Pokal der Landesmeister von 1973 getilgt, als auch Geyers Gegenspieler Ulli Hoeneß für das Ausscheiden (3:4/3:3) gesorgt hatte. „Wir vergeigten es taktisch“, sagt er.

Geyer gehört zu denen, die zwei Fußball-Leben kennen lernten, in der DDR und in der Bundesrepublik – als Oberliga-Spieler mit 1500 Mark im Monat und einigen Vergünstigungen und nach der Wende die Geldmaschine Fußball. Der steht er zwar skeptisch gegenüber. Aber auch in der Zukunft sieht er keinen anderen Trend. „Solange mit Fußball weiter so viel Geld verdient wird, wird sich das nicht ändern“, meint er. Insofern verderbe Geld auch nicht den Fußball.

Als am 12. September 1990 das letzte DDR-Länderspiel gegen Belgien um 21.49 Uhr beendet war, war Ede Geyer arbeitslos. Existenzangst hatte er aber nicht. Er musste zwar seine Ansprüche herunterschrauben. „Aber auch diese Zeit war lehrreich“, sagt er. In Cottbus, wo er einmal 57 Spiele in Folge gewann, hatte er ein unrühmliches Ende – Trainerschicksal. Einvernehmlich wäre natürlich besser gewesen. Ein Denkmal müsse es aber nicht sein, obwohl es eins gebe, aus Holz mit einer Kettensäge hergestellt, so Geyer. Wichtig ist für ihn, dass er keinen Spieler kennt, der an ihm vorbei gehen würde, ohne ihn zu beachten. Dem Fußball werde er verbunden bleiben, die Trainerjacke werde er nicht mehr überziehen. Wenn Fußball, dann vor dem Fernseher, im Stadion oder mit den vier Enkeln.


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