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NS-Kunsthändler : Streit um Güstrower „Hexenhaus“-Fund

vom
Aus der Redaktion des Güstrower Anzeiger

Drei Parteien erheben Besitzansprüche auf die am Inselsee entdeckten Dokumente führender NS-Kunsthändler.

von
erstellt am 08.Jul.2017 | 05:00 Uhr

Wem gehört die Korrespondenz der berüchtigten Nazi-Kunsthändler Bernhard A. Böhmer (1892 bis 1945) und Hildebrand Gurlitt (1895 bis 1956)? Um die Eigentumsverhältnisse dieses Güstrower Fundes, wie ihn der Geschäftsführer der Güstrower Ernst-Barlach-Stiftung Dr. Volker Probst bezeichnet, ist jetzt ein heftiger Streit entbrannt. Gleich drei Parteien haben Besitzansprüche angemeldet. Bei Abrissarbeiten des so genannten Hexenhauses am Güstrower Inselsee waren im Oktober 2016 – versteckt unter der Terrasse – zahlreiche Schriftstücke der beiden führenden Kunsthändler im nationalsozialistischen Deutschland zum Vorschein gekommen. Der von unserer Zeitung erstmals öffentlich gemachte Fund war damals auf ein internationales Medienecho gestoßen.

„Die wissenschaftliche Erforschung liegt brach, so lange die Eigentumsverhältnisse nicht geklärt sind“, sagt Probst. „Wir haben die Schriftstücke bei uns lediglich gelagert und konserviert.“ Mehr als ein halbes Jahr nach seiner Entdeckung wartet der Güstrower Fund im Keller der Barlachstiftung am Heidberg noch immer auf seine Auswertung. Experten erwarten sich aus der am Inselsee aufgetauchten Korrespondenz von Böhmer und Gurlitt Erkenntnisse über den Handel mit Raubkunst sowie „entarteter Kunst“ im Dritten Reich. „Die Geschichte der ,entarteten Kunst’ muss wegen des Fundes sicherlich nicht neu geschrieben werden, aber einzelne Teile dieses großen Puzzles sind durchaus interessant“, so Probst. Denn bis heute gebe es „weiße Flecken“ in Bezug auf den Verbleib einzelner Kunstwerke, die von den Nationalsozialisten als „entartet“ diffamiert wurden.

Finder der Schriftstücke ist der Güstrower Hotelier Erich-Alexander Hinz. Er hatte das Hexenhaus auf dem kurz zuvor von ihm erworbenen Grundstück abgerissen. Dabei waren die Papiere von Böhmer und Gurlitt aufgetaucht. Böhmer wohnte mit seiner Familie in Güstrow direkt neben dem Hexenhaus, im Atelierhaus am Inselsee. Hier nahm der Kunsthändler auch den Bildhauer Ernst Barlach auf und richtete ihm im Erdgeschoss ein Atelier ein. Seinen Fund hatte Hinz an die Barlachstiftung übergeben. Als Finder erhebt er Anspruch auf die historischen Papiere. „Es handelt sich hier nicht um materielle, sondern um ideelle Werte“, sagt Hinz. „Ich möchte, dass der Fund in Güstrow bei der Barlachstiftung verbleibt und für wissenschaftliche Zwecke allgemein zugänglich gemacht wird.“

Doch auch der Vorbesitzer des Grundstücks am Inselsee erhebt Besitzansprüche. „Mit ihm waren bisher keine Gespräche möglich. Er beharrt aber schriftlich auf seinem Eigentumsrecht“, sagt Hinz. Den dritten Anspruch meldet Hella Böhmer-Vogt, Enkelin von Bernhard A. Böhmer, an, da es sich um persönliche Dokumente ihre Großvaters handelt. „Sie ist durchaus bereit, den Fund einer ernsthaften Forschung zur Verfügung zu stellen“, so Probst, der persönlich mit Hella Böhmer-Vogt gesprochen hat.

Noch hat der gerichtliche Rechtsstreit über den Güstrower Fund nicht begonnen. „Aber die Eigentumsverhältnisse müssen jetzt auf juristische Weise geklärt werden“, sagt Erich-Alexander Hinz.

 

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