Gedenken an Ernst Barlachs „Schwebender“ : Sternstunde im Güstrower Dom

Neil MacGregor spricht vor dem Schwebenden über „Barlach von der Insel aus gesehen“.
Neil MacGregor spricht vor dem Schwebenden über „Barlach von der Insel aus gesehen“.

Brite Neil Mac Gregor sprach zum Jahrestag der gewaltsamen Entfernung der Skulptur über „Barlach von der Insel aus gesehen“

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24. August 2015, 08:00 Uhr

Viele prominente Redner hat die jährliche Gedenkveranstaltung der Güstrower Domgemeinde zum Jahrestag der gewaltsamen Entfernung von Ernst Barlachs „Schwebender“ 1937 aus dem Dom schon erlebt. Der Auftritt von Neil MacGregor gestern Abend gehörte sicher zu den Sternstunden der Domgemeinde. Bald waren die gedrängt gestellten Stühle in der Nordkirche gefüllt, aber da die Fenster zum Dom geöffnet waren, fanden alle Besucher Platz in dem weitläufigen Gotteshaus. „Barlach von der Insel aus gesehen“ hatte Mac Gregor seinen Vortrag überschrieben.

Seine Zusage, nach Güstrow zu kommen, hatte eine Vorgeschichte. Der Schotte ist (noch) Direktor des renommierten British Museum in London. Mit Güstrow, dem Dom und dem Schwebendem kam er im vergangenen Jahr in Berührung, als das Museum anfragte, die Skulptur Barlachs in einer großen, 600 Jahre deutsche Geschichte umfassenden Ausstellung zeigen zu dürfen. Anlass der von mehr als 20 000 Besuchern gesehenen Ausstellung „Germany – Memories of a Nation“ war der 100. Jahrestag des Ausbruchs des 1. Weltkriegs, noch immer ein Trauma auf der Insel. „Der 1. Weltkrieg ist für unser Land die größte Katastrophe des vergangenen Jahrhunderts“, erklärte er. In jedem Dorf, auf Bahnstationen, Bauernhöfen oder wichtigen Gebäuden werde mit einem Denkmal an die Gefallenen erinnert. Die Briten, so MacGregor, kennen zwar das Wort Denkmal, aber nicht im Kontext zu Mahn- oder Ehrenmal. Barlach habe keine Kriegshelden, keine Soldaten dargestellt, sondern dem Schmerz und dem Verlust ein Gesicht gegeben. Damit sei Versöhnung möglich und eine gemeinsame Brücke zum Verstehen der Vergangenheit gegeben, so der Museumsdirektor. „Barlachs Schwebender war für uns der End- und Höhepunkt der Ausstellung und für die britischen Besucher eine sehr große Überraschung, man kann sagen: es war eine Sensation“, versicherte Mac Gregor. Besonders beeindruckt habe die Darstellung des Bildnisses von Käthe Kollwitz, in deren Gesicht der ganze Schmerz und das dauerhafte Leiden der Überlebenden dargestellt seien. „Eine solche Darstellung kannten wir bisher nur aus der Literatur“, versicherte der Redner.

In der Domgemeinde hatte es durchaus Bedenken gegeben, der Bitte des British Museums nachzukommen. Umso mehr bekannte Pastor Christian Höser: „Gott sei Dank, dass wir es gemacht haben.“ Denn MacGregor wollte für die Ausstellung auch nicht den Zweitguss aus der Kölner Antoniterkirche. Es sollte unbedingt die Skulptur aus dem Güstrower Dom sein. „Denn wir finden in dieser Skulptur die ganze Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert. Von Barlachs Begeisterung für den 1. Weltkrieg über die Wandlung zum Pazifisten, die Suche nach Versöhnung in den 1920er- und 30er-Jahren, die Vernichtung der Skulptur im Nationalsozialismus bis hin zum Geschenk des Abgusses der Kölner im Kalten Krieg und dem Treffen von Honecker und Schmidt unter dem Engel“, schlug MacGregor den Bogen anhand des Kunstwerks. Herzlich bedankte er sich bei der Domgemeinde, der Barlachstiftung und der Stadt für die Leihgabe zur Ausstellung.

Übrigens wird MacGregor, der vor gut zwei Monaten mit dem Nationalpreis der Deutschen Nationalstiftung ausgezeichnet wurde, demnächst öfter in Deutschland sein. Zum Jahresende legt er seinen Direktorenposten im British Museum nieder und wird Gründungsintendant des Humboldtforums in Berlin.  

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