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Gedenken in Güstrow : „Stadt stellt sich auf Seite der Opfer“

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Aus der Redaktion des Güstrower Anzeiger

30 Jahre nach der Stasi-Bluttat in Güstrow wurde ein neuer Gedenkstein enthüllt / Opfer und deren Angehörige nahmen an Feierstunde teil

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erstellt am 22.Dez.2014 | 06:00 Uhr

Mit einer neu gestalteten Gedenkstätte erinnert Güstrow an die Opfer von DDR-Unrecht. In der Neukruger Straße, an authentischem Ort, enthüllten am Sonntag Stadtpräsident Torsten Renz und Anne Drescher, Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, einen Sühnestein und eine Stele mit erläuternder Inschrift. An dieser Stelle, vor der einstigen Kreisdienststelle des Staatssicherheitsdienstes, hatte ein angetrunkener Wachmann am 21. Dezember 1984 die Güstrower Wolf-Dieter Runge und Uwe Siatkowski nach einem Wortduell grundlos erschossen und Frank Nitsch schwer verletzt. Während die Stasi alles unternahm, die Bluttat zu vertuschen, wurden Hinterbliebene und Menschen im Umfeld der Opfer unter Drohungen zum Schweigen verpflichtet. Erst die friedliche Revolution machte es möglich, betonte Torsten Renz (CDU), dass der Täter in einem rechtsstaatlichen Verfahren vor Gericht gestellt und wegen fahrlässiger Tötung in mehreren Fällen und schwerer Körperverletzung vor Gericht gestellt wurde. Er wurde zu zehn Jahren Freiheitsentzug verurteilt. Zwei Staatsanwälte mussten wegen Rechtsbeugung ebenfalls spät büßen.


Ersatz für ersten Gedenkstein von 1989


Doch der Umgang mit der Tat und ihren Opfern blieb auch nach den Wende ein Kapitel, mit dem die Stadt sich lange Zeit schwer tat. 1989 hatten unter der Regie des Neuen Forums Burkhard Krause, Horst Mauck und Heiko Lietz für einen ersten, kleinen Gedenkstein gesammelt. Weil der zunehmend in seinem Umfeld zu versinken drohte, beschloss die Stadtvertretung vor dreieinhalb Jahren, die Gedenkstätte neu zu gestalten. Unter Federführung von Peter Hoff (Freie Wähler) entstand die Idee von einem grobkantigen Sühnestein, dem eine eiserne, rostende Stele mit erklärendem Text zur Seite gestellt ist.

An der bewegenden Weihe genau 30 Jahre nach dem Verbrechen nahmen auch Angehörige der Opfer teil. Siegmund Siatkowski, Vater von Uwe Siatkowski, kam, nachdem seine Frau verstorben ist, allein. Inzwischen habe die Stadt auch mit ihm über das Geschehen gesprochen und über den Plan der neuen Gedenkstätte. „Ganz einverstanden mit jeder Passage des Textes“, spricht Siegmund Siatkowski für die Familie, „sind wir nicht. Aber am Ende entscheidet das die Stadt.“ Dennoch trage er Hoffnung in sich, dass er nun einen Abschluss finden werde, soweit das einem Vater überhaupt möglich ist.

Frank Nitsch legte mit Anne Drescher den ersten Gedenkkranz nieder. Erst vor wenigen Wochen hatte der durch die Schüsse schwer Verletzte vom Justizministerium schwarz auf weiß bestätigt bekommen, dass ihm damals Unrecht geschah. Jahrelang habe niemand mit ihm Kontakt gesucht, habe er allein mit den engsten Vertrauten mit der Sache fertig werden müssen, erzählt er. „Frau Drescher war dann ein Glücksfall, die hat sich gekümmert“, sagt der Schlosser, der auch heute noch körperlich an den Folgen des Anschlags zu tragen habe. „Das Leid der Opfer wird jetzt gewürdigt. Das bedeutet noch nicht, dass es eine weitere Form der Wiedergutmachung, etwa eine Entschädigung, gibt“, betonte Anne Drescher. Hier sei die Gesellschaft am Zug. Immerhin: „Die Stadt hat sich mit dem Stein ganz klar auf die Seite der Opfer gestellt.“


Endlich Gewissheit, dass Unrecht getan wurde


„Endlich“, sagte Melanie Runge, die mit ihrer Schwester Nicole und Mutter Sabine nach Güstrow kam, um ihres Vaters zu gedenken, „endlich ist ein Punkt gesetzt, mit dem wir Gewissheit haben, dass wir im Recht waren, dass uns Unrecht angetan wurde. Gerechtigkeit wird aber nie stattfinden. Schade, dass Pastor Lietz nicht kommen konnte. Wir hätten ihm für seinen Einsatz gerne persönlich gedankt.“ Die Hinterbliebenen von Wolf-Dieter Runge – Bruder Marcel war es nicht möglich, an der Gedenkfeier teilzunehmen – wohnen in Niedersachsen und sind nur noch selten in Güstrow. Abgeschlossen mit dem Kapitel haben sie nie.

 

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