Willkommenskultur : Sprechstunde für Flüchtlinge

Teresa Simon (25) und Christian Loeseken (31) behandeln mit ihrer privat organisierten medizinischen Ausrüstung Flüchtlinge in der „Villa Kunterbündnis“ in Güstrow.
Teresa Simon (25) und Christian Loeseken (31) behandeln mit ihrer privat organisierten medizinischen Ausrüstung Flüchtlinge in der „Villa Kunterbündnis“ in Güstrow.

Junge Güstrower Mediziner kümmern sich ehrenamtlich um die Probleme von Asylsuchenden

svz.de von
09. September 2015, 22:00 Uhr

Immer mehr Flüchtlinge müssen der Landkreis Rostock und auch die Stadt Güstrow aufnehmen. Doch deren medizinische Versorgung gestaltet sich oftmals schwierig. Als eine besondere Geste der Willkommenskultur gibt es jetzt erstmals in der „Villa Kunterbündnis“ am Güstrower Pferdemarkt ärztliche Sprechstunden für Flüchtlinge und zudem für alle, die nicht ausreichend krankenversichert sind.

Mehr Zeit für Patienten

Bereits seit Juli nehmen sich einmal wöchentlich zwei junge engagierte Mediziner Zeit, um sich um die Probleme der Flüchtlinge zu kümmern. Christian Loeseken (31) ist Assistenzarzt für Unfallchirurgie und Orthopädie im Güstrower Krankenhaus und Teresa Simon (25) arbeitet dort als Operationstechnische Assistentin. Die beiden wollten vor einigen Monaten ihre Hilfe anbieten und wandten sich an die „Villa Kunterbündnis“, deren Mitarbeiter sich in der Flüchtlingshilfe engagieren. Dort erfuhren sie, welchen Schwierigkeiten die Flüchtlingen gegenüberstehen, wenn es um ihre Gesundheit geht. Sie beschlossen, direkt dort anzusetzen. „In der Medizin hat man heutzutage einen hohen Zeit- und Kostendruck und kann sich deswegen um viele Patienten nicht ausreichend kümmern“, weiß der 31-jährige Arzt. „Aber in diesem Rahmen können wir das ändern und uns mal wirklich Zeit nehmen für Patienten und deren Dolmetscher.“

Ein weiteres Problem besteht in dem Kontrast zwischen dem, was Standardkrankenversicherte bekommen und dem, was Flüchtlinge bekommen. Zum Beispiel müssen Krankheiten oder Verletzungen, die sie aus ihrem Heimatland mitbringen, selbst bezahlt werden. „Viele schämen sich auch zum Arzt zu gehen und kommen dann oftmals viel zu spät“, erklärt Teresa Simon. „Es sind oft chronische Sachen oder sogar Kriegsschäden.“ Hier sei vor allem psychologische Unterstützung sinnvoll.

Suche nach weiteren Mitstreitern

Die beiden Mediziner suchen nach weiteren Mitstreitern, die das Angebot für Bedürftige ausbauen und stabilisieren könnten. Psychologen, Psychotherapeuten, Allgemeinmediziner, Internisten, Kinderärzte und Frauenärzte wären ein wichtiger Bestandteil der Versorgung. Auch Spenden von Medikamenten, die noch nicht abgelaufen sind, aber nicht mehr gebraucht werden, würden sie entgegennehmen.

„In Rostock gibt es eine Gesundheitskarte, mit der alles elektronisch geregelt wird. Das ist eine bürokratische Entlastung für alle Beteiligten und für die Betroffenen, auch eine psychische. In Güstrow hingegen gibt es viel komplizierten Papierkram“, so Karen Larisch, Leiterin der „Villa Kunterbündnis“ und Stadtvertreterin der Linken. Es müsse noch einiges getan werden und ehrenamtliche Arbeit, wie sie Christian Loeseken und Teresa Simon leisten würden, sei da ein wichtiger Schritt zu einer besseren Willkommenskultur.  
 

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