Diakonie Güstrow : Selbsthilfegruppen boomen

Seit zwei Jahren koordiniert Alice Hämmerling bei der Diakonie Güstrow die Selbsthilfegruppen im Bereich des Altkreises Güstrow.
Seit zwei Jahren koordiniert Alice Hämmerling bei der Diakonie Güstrow die Selbsthilfegruppen im Bereich des Altkreises Güstrow.

Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfe in Güstrow verzeichnet immer größeren Zulauf

svz.de von
20. November 2015, 21:00 Uhr

Als „Jammerrunden“ oder „Kaffeekränzchen“ werden Selbsthilfegruppen oft verunglimpft. „Hier muss die Gesellschaft unbedingt umdenken“, fordert Alice Hämmerling. In der Kontakt und Informationsstelle für Selbsthilfe (Kiss) der Diakonie Güstrow koordiniert sie die Selbsthilfegruppen im Altkreis Güstrow und begleitet sie in der Gründungsphase. Und Alice Hämmerling hat immer mehr zu tun. Selbsthilfegruppen boomen, egal welches Krankheitsbild. Immer mehr Menschen suchen hier Hilfe – ein neues gesellschaftliches Phänomen.

Von der Rheuma- oder Herzsportgruppe mit bis zu 90 Teilnehmern bis zur Transgender-Selbsthilfe mit nur fünf Betroffenen reicht das Spektrum mittlerweile. Aktuell betreut Alice Hämmerling 87 Selbsthilfegruppen, allein 19 sind im vergangenen Jahr hinzu gekommen. Rund 1200 Menschen haben sich in diesen Gruppen in der Region freiwillig organisiert. „Die Selbsthilfe hat stark an Bedeutung gewonnen“, stellt sie fest. Eine steigende Tendenz sei vor allem bei der Selbsthilfe für psychische Erkrankungen, besonders Depressionen, zu verzeichnen. Diese Gruppen seien am stärksten nachgefragt. Zwei neue wurden gerade gegründet. Neu ist aber auch beispielsweise die Adipositas-Gruppe oder die Selbsthilfegruppe „Tanzende Hände“, in der sich hörgeschädigte junge Mütter austauschen, die nur in Gebärdensprache mit ihren Kindern kommunizieren können. In Gründung befindet sich gerade in Güstrow eine Gruppe für Alleinerziehende sowie eine für Angehörige von psychisch Kranken.

„In allen diesen Gruppen treffen sich ausschließlich Betroffene, ohne professionelle Leitung. Jeder in der Gruppe weiß, wovon der andere spricht. Jeder ist Experte in eigener Sache“, erklärt Alice Hämmerling den Zulauf für die Selbsthilfegruppen. Hier würden sich die Betroffenen verstanden fühlen und könnten sich gegenseitig helfen. „Sie können sich in den anderen reindenken und reinfühlen.“ Gerade psychisch Kranke würden sich oftmals von der eigenen Familie nicht verstanden fühlen, in der Selbsthilfegruppe würden sie hingegen Mitgefühl erfahren.

Doch Alice Hämmerling weiß auch, dass Selbsthilfegruppen kein „Allheilmittel“ darstellen. „Selbsthilfegruppen heilen keine Krankheit, sie ersetzen keine sozialen oder medizinischen Leistungen, sondern können sie nur ergänzen“, sagt sie. Aber was erreicht werden könne sei mehr Zufriedenheit sowie ein besserer Umgang mit der Krankheit.

Vom Land und den Kommunen wünscht sich die Selbsthilfe-Koordinatorin der Diakonie Güstrow noch mehr Anerkennung und vor allem auch finanzielle Unterstützung. Dennoch sei mit dem neuen Gesetz zur Stärkung der Gesundheitsförderung und Prävention schon ein wichtiger Schritt erfolgt. Damit wird die Selbsthilfe von den Kassenverbänden stärker gefördert.  

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