Ein Tibeter in Groß Upahl : Seinem Leben fehlte Perspektive

Angela Langer lässt die Urne mit weißem Tuch - Farbe des Buddhismus - ins Grab sinken.Sieglinde Seidel
Angela Langer lässt die Urne mit weißem Tuch - Farbe des Buddhismus - ins Grab sinken.Sieglinde Seidel

18 Jahre lang ist dem Tibeter Ladoe Karmacha in Deutschland kein Asyl gewährt worden. Jetzt ist er tot. Pastor Siegfried Rau erwies ihm nun die letzte Ehre, auch wenn er kein Christ gewesen ist.

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13. Mai 2013, 07:59 Uhr

Gross Upahl | Nach einem kurzen Leben wurde die Urne von Ladoe Karmacha (44) vergangene Woche in Groß Upahl beigesetzt. Obwohl der gebürtige Tibeter kein Christ war, empfand es der Tarnower Pastor Siegfried Rau als seine Pflicht, ihm die letzte Ehre zu erweisen. Da er keinerlei Verwandte in Deutschland hat, wird sein Grab von Bewohnern und Mitarbeitern des Hauses "Zuflucht", der Nachsorgeeinrichtung für Suchtkranke in Groß Upahl, gepflegt.

Am Tag seiner Bestattung wäre Ladoe Karmacha 45 Jahre alt geworden. 18 Jahre lang wurde ihm in Deutschland kein Asyl gewährt. Stattdessen wurde er "geduldet" - jeweils für ein Vierteljahr. Sein Leben fand in einem kleinen Zimmer in einem Asylbewerberheimen, zuletzt in Parchim, statt.

"Ich habe gewusst, dass Ladoe Karmacha wenig Zukunft hat", sagte Angela Langer, Leiterin des Haus "Zuflucht". Hier wurde der Asylbewerber einen Tag vor Weihnachten 2009 aufgenommen, nachdem er dem Alkohol verfallen war. Außerdem hatte er Diabetes. "Die Monate im Hause hier in Groß Upahl waren wohl die besten, die er in den vergangenen 18 Jahren erlebte", schätzt Siegfried Rau ein. "Er hat viel durchgemacht und war dennoch ein herzensguter Mensch", sagt Heino Maschke, der sich mit dem Tibeter ein Zimmer teilte.

Ladoe Karmacha war vier Jahre alt als seine Mutter starb. Sein Vater wurde ermordet. In einer Pflegefamilie war er aufgewachsen, durfte vier Jahre zur Schule gehen. Mehr konnte sich die Familie nicht leisten. Dann musste er arbeiten, viel und schwer. Tibeter sind ein unterdrücktes Volk und Widerstand wird hart bestraft. So hat es Ladoe Karmacha aufgeschrieben. Die Leiterin des Hauses "Zuflucht" las den Lebenslauf am Grab vor. Irgendwann hatte der Tibeter gehört, dass in Deutschland junge Leute gesucht werden und sich auf den Weg gemacht.

Während seiner Zeit in Groß Upahl hatte ihm Leonore Ackermann Deutschunterricht gegeben (bei Duldungsstatus sind Deutschkurse nicht vorgesehen). So habe er seinen Lebenslauf aufschreiben können. Stolz sei er darauf gewesen, erinnerte man sich am Grab.

"Er war ein aufrechter, liebenswerter Mann, der nur sein eigenes Leben mit einer eigenen Wohnung in einer größeren Stadt wollte", sagt Angela Langer. Aufgebrochen in großer Hoffnung starb er nun. Drei ehemalige Mitbewohner aus dem Asylbewerberheim waren zur Bestattung gekommen und trauerten gemeinsam mit Bewohnern des Hauses "Zuflucht". Im Tibet soll es noch eine Frau und zwei Kinder geben, die wahrscheinlich noch gar nicht wissen, was passiert ist.

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