Güstrow : Segen für Profi- und Hobbyforscher

Ulrich Hinske zeigt Praktikantin Susanne Schröder und Dr. Tilmann Wesolowski (v. r.), worauf bei der Digitalisierung der „Postille“ zu achten war.
1 von 2
Ulrich Hinske zeigt Praktikantin Susanne Schröder und Dr. Tilmann Wesolowski (v. r.), worauf bei der Digitalisierung der „Postille“ zu achten war.

211 unikale Titel der Historischen Bibliothek werden an der Rostocker Uni digitalisiert.

svz.de von
03. Februar 2018, 05:00 Uhr

Der Prachtband ist zurück. Besucher der Güstrower Residenzgeschichte im Obergeschoss des Stadtmuseums können nun wieder die in einer Standvitrine deponierte „Postille“, eine Auslegung der Evangelien nach den Worten der Heiligen Schrift, bewundern. Andreas Celichius schrieb das aus drei Bänden bestehende und mit zahlreichen Holzschnitten illustrierte Werk 1582 bis 1583 und widmete es Herzog Ulrich und seiner Gemahlin Elisabeth. In dem in Leder gebundenen und mit Messingbeschlägen verzierten Prachtband dürfen die Museumsbesucher natürlich nicht blättern. Wohl aber ist es möglich, sich das Werk Seite für Seite anzusehen – und zwar im Internet. Aus diesem Grund war das über 500 Seiten zählende Werk für einige Wochen in der Digitalisierungswerkstatt der Universitätsbibliothek Rostock.

Die „Postille“ ist wieder an ihren Platz im Stadtmuseum im Ausstellungsbereich der Güstrower Residenzgeschichte zurückgekehrt.
Christian Menzel
Die „Postille“ ist wieder an ihren Platz im Stadtmuseum im Ausstellungsbereich der Güstrower Residenzgeschichte zurückgekehrt.

„Ein vom Land Mecklenburg-Vorpommern, der Barlachstadt und dem Kunst- und Altertumsverein finanziertes Projekt macht es möglich, 211 unikale Titel aus dem Bestand der Historischen Bibliothek zu digitalisieren“, sagt Dr. Tilmann Wesolowski von der Uwe-Johnson-Bibliothek. Der Güstrower Ulrich Hinske, der das aus einem Mitarbeiter und fünf studentischen Hilfskräften bestehende Team der Digitalisierungswerkstatt leitet, wählte als eines der ersten Werke die „Postille“ aus. Der Diplomdokumentar scannte in einem ersten Schritt alle Seiten des Unikats ein. Zunächst die geraden, danach die ungeraden. „Eine Schwierigkeit bei der ‚Postille‘ bestand darin, dass sich das Buch wegen seiner Bindetechnik und den umfangreichen Verzierungen auf dem Bucheinband nur bis zu einem bestimmten Winkel öffnen ließ. So wurden erst die linken Seiten gescannt, dann die rechten“, schildert Ulrich Hinske. Danach erfolgte eine manuelle Nachbereitung, die das zusammengesetzte Werk auf Vollständigkeit, die richtige Reihenfolge der Blätter und die erhoffte Bildqualität prüft. In einem dritten Schritt wurden einzelne Strukturelemente wie das Titelblatt, ein mögliches Inhaltsverzeichnis, Kapitelüberschriften, besonders gekennzeichnete Abschnitte und auch Illustrationen erfasst. „Diese Strukturierung erleichtert das wissenschaftliche Arbeiten sehr“, beteuert Hinske.

Schutz der Jahrhunderte alten Druckwerke

Die Digitalisierung und die dadurch mögliche Vervielfältigung ist ein Segen für Laien und Forscher. Sind sie doch nun in der Lage, an einem Werk zu arbeiten, ohne lange Wege und Kosten für die Sichtung des Originals in Kauf nehmen zu müssen. Vor allem aber werden die empfindlichen, oft Jahrhunderte alten Druckwerke geschützt. „Die Werke sind weniger dem für Papier schädlichen Tageslicht ausgesetzt und die Gefahr von mechanischen Schäden wie dem Einreißen oder Brechen der Seiten ist geringer“, zählt Tilmann Wesolowski auf. Und es besteht immer die Möglichkeit, bei Verlust des Originals – wie beispielsweise beim Einsturz von Teilen des Kölner Stadtarchivs 2009 geschehen – ein Reprint anzufertigen. „Allerdings wird den digitalen Daten gegenwärtig ein Verfallszeitraum von 50 bis 80 Jahren bescheinigt. Danach müssten sie erneut gescannt werden“, schränkt Wesolowski ein.

Dennoch: Durch die Digitalisierung der unikalen Werke und deren Einstellung in die Deutsche Digitale Bibliothek wird der Güstrower Schatz als nationales Kulturgut erfasst. Und über die vor fast zehn Jahren gestartete digitale Sammlung des europäischen Kulturerbes sind die Dokumente aus der Barlachstadt auch europaweit verzeichnet und erreichbar.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen