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Anna Z. (81) muss von Sohn aus Görlitz gespritzt werden : Pflegehickhack um kranke alte Frau

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"Ein Herz für Menschen - aber kein Geld!" Das ist eine Parole, mit denen Pflegedienste für eine bessere Bezahlung kämpfen. Aber wo bleibt das "Herz" der privaten Pflegedienste, wenn es um die 81-jährige Anna Z. geht?

svz.de von
erstellt am 21.Aug.2012 | 10:43 Uhr

Güstrow | "Ein Herz für Menschen - aber kein Geld!" Das ist eine Parole, mit denen ambulante Pflegedienste im Land gerade auf die Straße gehen und für eine bessere Bezahlung kämpfen. Aber wo bleibt das "Herz" der privaten Pflegedienste, wenn es um die schwerkranke 81-jährige Anna Z. (Name geändert, liegt der Redaktion vor) aus einem Dorf bei Güstrow geht? Die kranke Frau bekommt morgens und abends Insulin gespritzt. Der Sohn erhielt aber von 12 (!) Pflegediensten eine Absage für die Leistung, die von der AOK bezahlt wird. Die Folge: Ab heute spritzt der Sohn seine Mutter. Er reiste dazu extra aus dem Kreis Görlitz an. Aber der Reihe nach im "Gesundheitsland" Mecklenburg-Vorpommern.

Familie von Pflegediensten "abgewimmelt"

Die Odyssee begann vergangene Woche Montag. Der andere Sohn, der aus Bayern anreiste, wollte die medizinische Betreuung seiner Mutter sicherstellen. Anna Z. ist nicht erst seit heute zuckerkrank. Bisher übernahm ihr Mann das Spritzen. Doch der wird heute im Krankenhaus operiert. Anna Z. kann sich nicht spritzen, weil sie sehr zittrig ist. Die Hausärztin bescheinigte dem Sohn alles, die AOK erteilte die Verordnung. Er setzte sich mit den Pflegediensten in Güstrow und Umgebung in Verbindung. Ergebnis: siehe oben. Gründe: keine Kapazitäten, passt nicht in die Route. Für ihn war es "Abwimmeln".

Auch eine Information zwischendurch bei der AOK, dass er nichts erreicht habe, half nicht. Er erhielt eine weitere Liste und die Antwort einer Mitarbeiterin, die AOK hätte "keine Versorgungspflicht". Kurz keimte Hoffnung auf, als das DRK sich bereit erklärte, der Mutter die Spritzen zu geben. Doch das DRK sagte auch ab. Grund: Der Ort passe nicht in den Tourenplan.

Auch den kurzen Dienstweg, den der behandelnde Arzt Dr. Georg Neumann suchte, führte zu keinem Erfolg. Auch er hörte von Cornelia Bäumer, Bereichsleiterin Pflege DRK, dass Kapazitätsgründe es nicht erlauben würden. Für den Gülzower Landarzt ist das ein "Hammer". "Das habe ich noch nicht erlebt", sagte er gestern SVZ. Den Sohn aus Görlitz wies er gestern ein, wie er seine Mutter spritzen muss. Nach dieser gescheiterten Intervention kam der andere Sohn Freitagnachmittag zur SVZ. Wir konfrontierten gestern die Pflegedienste am Runden Tisch mit dem Fall. Auch Michael Zehm, Awo-Bereichsleiter Pflege, bestätigte für die Kollegen die Kapazitätsprobleme, verwies auf fehlendes Personal und darauf, dass die ambulanten Pflegedienste durch die gekürzten Vergütungen der AOK strukturelle Veränderungen vornehmen müssten. Er betonte, dass das, was mit der Frau geschehen sei, keineswegs im Sinne der Pflegedienste sei. Es werde aber vermutlich noch schlimmer kommen, weil die ambulante Versorgung durch die Entwicklung gerade im ländlichen Raum in Gefahr sei.

Markus Juhls, Sprecher der AOK Nordost, erklärte gestern auf Nachfrage, dass es auch bei ärztlich verordneter Leistung der häuslichen Krankenpflege in Einzelfällen "durchaus zu Situationen kommen kann, in denen die Versorgung von Versicherten aus Kapazitätsgründen einzelnen Pflegediensten kurzfristig nicht möglich ist". Mittlerweile sei die offene Versorgungssituation von Frau Z. durch die AOK geklärt, ein Pflegedienst aus Güstrow übernehme die Leistung. Juhls: "Sollten die Proteste der Pflegedienst-Verbände zu den per Schiedsspruch festgelegten Vergütungen im Bereich der häuslichen Krankenpflege eine Rolle im Fall der Familie gespielt haben und damit die Proteste auf dem Rücken der Patienten ausgetragen werden, wäre das moralisch und ethisch sehr bedenklich."

Gestrige Lösung aber auch nur Zufall

Gestern doch noch eine Lösung. Die Diakonie-Sozialstation Güstrow übernimmt ab morgen die Leistung. "Die Kapazität haben wir aber immer noch nicht. Eine Kollegin hat zugesagt, obwohl sie das hätte nicht können", erklärte Frauke Conradi, Leiterin ambulante Dienste, SVZ.

Fazit der Familie: Wenn das die Wirklichkeit nach dem Schiedsspruch wird, sollten man auf dem Land besser nicht krank werden.

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