Abgesang : Musica, liebliche Kunst verklungen

„Der Mond ist aufgegangen“ – beim letzten Lied sangen auch ehemalige Sänger mit, und Inge Kunkel dirigierte
„Der Mond ist aufgegangen“ – beim letzten Lied sangen auch ehemalige Sänger mit, und Inge Kunkel dirigierte

Güstrower Volkschor gab Abschiedskonzert in Pfarrkirche / Spenden für Glocken und für Bützower Kirche

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24. Juni 2015, 05:00 Uhr

36 Jahre lang bereicherten sie das kulturelle Leben in Güstrow. Ein letztes Mal hatten sich die Sänger des Güstrower Volkschores am Sonntag für einen Auftritt vorbereitet. Unter Leitung von Emanuel Jessel gaben sie ihr Abschiedskonzert in der Pfarrkirche. Trotz intensiver Suche fand sich kein neuer Chorleiter, aber auch keine jüngeren Sänger.

„Es ist zwar heute ein Abschied, aber keine Trauerfeier“, hatte Wolfgang Leppin zu Beginn gesagt. Dennoch war den Besuchern in der voll besetzten Pfarrkirche sowie einigen Sängern etwas Wehmut und Traurigkeit anzumerken. Lang anhaltender Beifall, stehende Ovationen waren ein deutliches Zeichen der Güstrower, dass sie diesen Chor vermissen werden. Ein positiver Aspekt des Schlussstriches: Es wurden am Sonntag Spenden für die Bützower Kirche erbeten, die 432 Euro ergaben. Weitere 625 Euro des Eintrittes werden den neuen Glocken der Güstrower Pfarrkirche zugute kommen.

„Musica, die ganz lieblich Kunst“ so sangen die Männer und Frauen zu Beginn einen Satz von Johannes Jeep. „So haben wir oft unsere Konzerte begonnen“, erklärte Emanuel Jessel. Der ehemalige Thomaner hatte 2012 das Dirigat des Chores übernommen, während er ein Musik- und Schauspielstudium an der Hochschule für Musik und Theater absolvierte. „Mit Emanuel Jessel haben wir neue anspruchsvolle Stücke einstudiert“, sagte Uwe Kunkel. Für den Studenten war die Arbeit mit dem Volkschor ebenfalls bereichernd. „Ich habe gelernt, auf eine bestimmte Art zu arbeiten“, so Emanuel Jessel. Grundsätzliche Fragen seien geklärt worden: Warum singen wir? Was bedeutet der Text des Liedes? Was heißt das für uns? „Wenn diese Fragen geklärt sind, bekommt der Vortrag eine ganz andere Qualität“, ist er sicher. Jessel hat sein Studium jetzt abgeschlossen und ein Engagement am Theater Wilhelmshaven angenommen.

Die Geschichte des Chores hatte im Herbst 1979 begonnen. Damals gründeten einige sangesfreudige Güstrower Pädagogen den „Chor der Gewerkschaft Unterricht und Erziehung“ unter Leitung von Inge Kunkel. Die Musiklehrerin gab dieser Sangesgemeinschaft eine Prägung. Mehrfache Auszeichnungen als Volkskunstkollektiv hatte es gegeben, Auftritte in Funk und Fernsehen folgten. Nach der Wende gründete sich der Volkschor als Verein und reiste in andere Bundesländer sowie ins Ausland. Zwölf Jahre freundschaftliche Zusammenarbeit mit der Güstrower Kantorei und Wolfgang Leppin dürfen ebenfalls nicht unerwähnt bleiben.

2009 hatte Inge Kunkel dann die Stimmgabel an Manuel Grund, einem Studenten aus Rostock, übergeben. Nach dessen Ausscheiden übernahm sie das Dirigat allerdings noch einmal. Für sie bleibt eine positive Erinnerung an die Zeit mit dem Volkschor. „Ich bin dankbar für diese Jahre, die für mich wie ein Geschenk sind“, sagt die 77-Jährige.

Es waren Volkslieder, aber auch geistliche Lieder, die vom Volkschor all die Jahre gesungen wurden. Unter anderem gestalteten die Sänger alljährlich den Museumstag mit.

Ursula Flohr (87) aus Güstrow hat diese Arbeit über Jahrzehnte als Zuhörerin begleitet. „Die Arbeit Inge Kunkels müsste gewürdigt werden. Ich würde wünschen, dass ein solcher volkstümlicher Chor weitergeführt werden könnte. Es hat uns immer sehr gut gefallen, es war so menschennah“, sagt die Güstrowerin.

Bisher allerdings sieht das nicht so aus. Mit dem Satz von Gerald Uhlendorf „Adschüß“ verabschiedete sich der Güstrower Volkschor von seinem Publikum – wohl endgültig.  

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