Projekt : Mit Wikingern zurück ins Leben

Güstrower Bildungshaus unterstützt junge Menschen aus schwierigen Verhältnissen / Bau von Wikingerbooten wichtigstes Projekt

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16. Juli 2014, 06:00 Uhr

Was macht man mit jungen Menschen, die keinen Schulabschluss haben, keine Ausbildung und keine Perspektive? Jugendliche, die mit Schulden oder Drogen zu tun haben, von der Familie vernachlässigt und von den Behörden abgeschrieben sind? Man holt sie alle in ein Boot. Das Güstrower Bildungshaus, ein im Haus des Handwerks beheimateter Verein, bietet beruflich und sozial ausgegrenzten jungen Menschen eine Chance. In der Projektwerkstatt „Zukunft“ in der Neukruger Straße bauen sie gemeinsam Wikingerschiffe.

Seit sechs Jahren kooperiert der Verein mit den Jobcentern, um Jugendliche wieder in die Gesellschaft zu integrieren und auf den Arbeitsmarkt vorzubereiten. „Am Anfang haben wir überlegt, wie wir etwas Interessantes bieten können, damit die Leute gerne kommen und Spaß bei der Arbeit haben“, sagt Geschäftsführer Jens Lahl. „Bei der Recherche stießen wir auf den Verein ,Alte Schule’ und deren Projekt ,Euro-Viking’.“ Bei diesem fahren Jugendliche aus europäischen Nationen auf alten Wikingerrouten durch die Länder. Allesamt stammen aus schwierigen Verhältnissen und sollen bei dem gemeinsamen Abenteuer Toleranz und Zusammenarbeit erlernen. Erzieherische Effekte sind beabsichtigt. „Ein tolles Projekt, das wir mit unseren Schiffen unterstützen wollen“, sagt Lahl.

Zunächst aber sind die bisher drei gebauten Boote in der Region unterwegs. Zwei weitere folgen bald, von denen eines z.B. in der Ukraine für das Euro-Viking-Projekt fahren soll. Zusammen mit Außenstellen in Sternberg und Rostock entstehen die neun Meter langen Schiffe. Aus zwei Formen, in die fünf bis sechs Schichten aus Glasfaservlies und Kunstharz laminiert werden, entsteht der Bootsrumpf. Der Innenaufbau und der Mast sind aus Holz. „Die Boote sind ein originaler Formabguss eines alten Wikingerschiffes, das man in Norwegen gefunden hat“, erklärt Lahl. „Wir wollen damit künftig auch an Regatten, beispielsweise bei der Warnemünder Woche teilnehmen und auch selbst mal auf eine der Euro-Viking-Touren gehen.“ Ansonsten werden die Boote, die bereits auf der Warnow und dem Teterower See unterwegs sind, von gemeinnützigen Vereinen genutzt.


Schulabschluss als nächster Schritt


Neben den Wikingerbooten stellt die Projektwerkstatt des Bildungshauses auch Schiffsmodelle, Möbel und Holzspielzeug her. In Zusammenarbeit mit den Güstrower Tafeln betreuen die Jugendlichen auch den Garten der Einrichtung. Und es gibt eine selbst betriebene Kantine. Die Jugendlichen können also wählen, ob sie in der Werkstatt arbeiten, im Freien gärtnern oder in der Küche leckeres Essen kochen möchten. 100 junge Menschen betreuen die drei Standorte momentan.

„Die Zusammenarbeit mit dem Jobcenter klappt gut. Leider sind die Mittel begrenzt“, sagt Lahl. Am vergangenen Freitag übergab die Veolia-Stiftung eine Spende von 10 000 Euro an den Verein. Lahl: „Mit dem Geld können wir auch in Zeiten ohne Unterstützung der Behörde mit den Jugendlichen arbeiten.“

Eine, die von dem Projekt profitiert hat, ist Susann Quade. Die 25-Jährige entwickelte schnell eine Leidenschaft für den Bootsbau. „Am meisten hat mir das Schleifen Spaß gemacht, auch das Lackieren. Und natürlich hat es mir gefallen, als wir mit dem fertigen Boot auf dem Teterower See gefahren sind“, erklärt Quade. Da die junge Frau engagiert mitgearbeitet hat, folgte der nächste Schritt: Sie sitzt nun mit anderen Teilnehmern im Unterrichtsraum. Alle holen ihren Hauptschulabschluss nach, mit dem sie eine Berufsausbildung beginnen können. „Ich möchte Malerin oder Tischlerin werden“, sagt Susanne Quade. Sie hat zurück in die Gesellschaft gefunden.

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