Heimatverein Linstow : Mit Gesang Geschichte am Leben halten

Der 79-jährige Ernst Reimann (l.) sorgt für die Musik bei jeder Veranstaltung des Heimatvereins Linstow.
Der 79-jährige Ernst Reimann (l.) sorgt für die Musik bei jeder Veranstaltung des Heimatvereins Linstow.

Der Heimatverein Linstow besteht seit 25 Jahren - Mitglied der ersten Stunde, Ernst Reimann, sorgt immer für musikalische Begleitung.

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20. Februar 2018, 12:00 Uhr

Sie singen zu jeder Veranstaltung, ob Mitgliederversammlung oder Museumsfest – die Mitglieder des Heimatvereins Linstow. 1993 wurde der Verein gegründet und betreibt das Wolhynier Umsiedler-Museum. Die Vereinsmitglieder sorgen damit auch dafür, dass die Geschichte der Wolhynien-Deutschen, die mehrfach in ihrem Leben umgesiedelt wurden und immer wieder als Fremde unterwegs waren, nicht vergessen wird.

„Aus Wolhynien mussten ziehen …“ – so beginnen die Mitglieder des Vereins das Wolhynierlied, das das Leben dieser Menschen begleitet hat. Einige der als Kinder in Linstow Angekommenen erinnern sich noch heute genau an diese Zeit. Ernst Reimann (79) war damals sieben Jahre alt und einer der ersten, der mit seiner Familie hier in Linstow eingetroffen ist. Weil sein Onkel eine Ziehharmonika – auch Gramoschk genannt – spielte, wollte auch er dies unbedingt. Er sparte sich das Geld zusammen und begleitet heute die Gesänge der Wolhynier gern. „Noten kann ich nicht lesen, aber das brauche ich auch nicht“, erzählt er. Der 79-Jährige begann einst mit einfachen Liedern wie „Hänschen klein“ und spielt alle Lieder nach Gehör. „Ohne Musik geht es bei uns nicht“, sagt Ernst Reimann.

Musik gehört also dazu. Das bestätigt auch Gertrud Horn, die aus dem Warthegau mit ihrer Familie gekommen war. „Mein Vater hat den Kirchenchor geleitet hier nach dem Krieg“, erzählt sie. Beim Spinnen der Wolle oder beim Stricken sei aber auch gesungen worden, erinnern sich alle. Das Wolhynierlied, mit dem jede Versammlung und Veranstaltung beginnt, soll übrigens 1915 in der Vertreibung in Sibirien entstanden sein. Hilde Jollenbeck aus Linstow hat einige aktuelle Strophen dazu geschrieben, die jetzt auch immer mit gesungen werden. Dafür haben sich die Vereinsmitglieder extra ein Liederbuch erstellt.

Ebenso wichtig ist den Wolhyniern der Zusammenhalt unter den Vereinsmitgliedern, die aus verschiedenen Gegenden hierher geflüchtet waren. Genau deshalb bringen sie sich im Verein gern ein. „Wir wollen aber auch die Geschichte rüber bringen“, sagen sie. Dazu gehören Arbeitseinsätze auf dem Gelände ebenso wie die inhaltliche Arbeit im Museum. „Zu DDR-Zeiten ist vieles verschwiegen worden. Da war das Wort ‚Flüchtling‘ nicht erwünscht“, sagt der Vorsitzende Johannes Herbst. Da sei die Geschichte nur ungenügend weitergegeben worden. Die Wolhynier selbst hätten nicht unbedingt freizügig von ihren Erlebnissen berichtet. „Einige haben sich erst geschämt, dass sie aus Wolhynien kommen“, so Ernst Reimann.

Irmgard Wegner (82) war zehn Jahre alt, als sie im August 1946 mit ihren Eltern nach Linstow kam. „Wir vier Kinder haben in einer Baracke auf Stroh hinter dem Ofen geschlafen“, erzählt sie. Ihre Mutter habe unbedingt nach Mecklenburg kommen wollen. „Sie wollte eine Kuh halten, um Milch für die Kinder zu haben“, erinnert sie sich. Ihr elfter Geburtstag im November wurde glattweg angesichts der schwierigen Zeiten vergessen.

Ingrid Wagner hat eine besondere Beziehung nach Linstow. „Ich bin im Haus meiner Oma geboren, das jetzt Museum ist“, erzählt sie. Ihre Eltern waren Wolhynier und hatten dieses Haus mit ihren eigenen Händen errichtet. So hat jedes der Mitglieder seine ganz eigene Geschichte. Erika Groß kam aus dem Warthegau und war mit ihrer Familie durch einige Flüchtlingslager gegangen und schließlich 1948 in Linstow gelandet.

Insgesamt 73 Familien hätten sich damals in Linstow angesiedelt, damals habe es höchstens zehn Häuser hier gegeben. Die Geschichte der Wolhynier soll lebendig bleiben. Das wünschen sich die Mitglieder des Heimatvereins Linstow. Dazu gehört auch Rosemarie Voigt, die durch eine ABM in Kuchelmiß auf die Arbeit des Vereins aufmerksam wurde und sich seitdem engagiert.

Der nächste Höhepunkt wird am 13. Mai die Saisoneröffnung in Linstow zum internationalen Museumstag sein.

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