Min Lütt Dörp : Mehrere Generationen unter einem Dach

Stanislaus und Edith Nevinscheni gehören zu den „Ureinwohner“. Sohn Rainer kehrte nach 20 Jahren in Rostock nach Goritz zurück.
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Stanislaus und Edith Nevinscheni gehören zu den „Ureinwohner“. Sohn Rainer kehrte nach 20 Jahren in Rostock nach Goritz zurück.

In Goritz, Gemeinde Wardow, lebt man in Familie / Kinder kehren nach Jahren in der Stadt zurück / Ruhe, Landschaft und Beschaulichkeit

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21. Juli 2014, 12:08 Uhr

„Wenn ich nach einem stressigen Arbeitstag nach Hause komme, genieße ich die Ruhe und die Landschaft. Es ist einfach schön hier“, sagt Birgit Kührmann (54) nach einer Nachtschicht in der Autobahnraststätte bei Recknitz. Nach ein paar Stunden Schlaf trifft sie im Partyzelt auf dem Hof ihre Mutter sowie Tochter und Schwiegersohn. Die Enkelkinder seien im Haus. Es leben vier Generationen unter einem Dach. „Das ist in Goritz gar nicht so selten“, betont Birgit Kührmann und kann noch einige Familien im Dorf aufzählen. „Und es gibt auch wieder Kinder hier“, betont die 54-Jährige. Schnell sind am Tisch 14 Mädchen und Jungen zusammengezählt.


Landwirtschaft prägte Leben im Dorf


Man wohne hier ruhig auf dem Lande, sagt auch Schwiegersohn Kay Kührmann (40), habe aber alles in erreichbarer Nähe. Ganz schnell sei man in Rostock oder an der Ostsee. Viele Jahre lebten er und seine Frau Jana (33) in den alten Bundesländern. „Uns fehlte das Wasser“, erklärt er die Heimkehr nach Goritz. Es wurde angebaut und schon sei Platz für zwei Familien gewesen.

1950 war Dora Gieroska (86) mit ihrem Mann in das neu gebaut Haus gezogen. „Wir hatten kein fließend Wasser und kein Licht“, erinnert sie sich. Bevor um 1950 die Häuser entstanden – ihre Bewohner bewirtschafteten Bodenreformland – hatte es neben dem Gutshaus, inzwischen längst abgerissen, wohl nicht mehr als fünf Häuser in Goritz gegeben, erzählt Dora Gieroska. Über Jahrzehnte habe die Landwirtschaft das Leben im Dorf bestimmt. Es habe eine Schäferei, Kuhstall und Schweinestall gegeben.


Alte Laternen und uraltes Bushäuschen


Eine Schafherde gab es in Goritz bis Stanislaus Newinscheni (89) in Rente ging. Danach hätte es noch „Versuche gegeben“, derzeit aber würde es im Dorf keine Schafherde mehr geben. Auch bei Newinschenis ist Sohn Rainer (63) vor einigen Jahren mit Familie wieder eingezogen, nachdem er zuvor 20 Jahre in Rostock lebte. Das Haus wurde saniert und umgebaut. „Es ist die Verbundenheit mit der Heimat“, sagt der Erwerbsunfähigkeitsrentner. Die Großfamilie funktioniere, Bäcker und Fleischer kämen mit ihren Verkaufswagen ins Dorf. Nur ein Arzt fehle natürlich, sagt Rainer Newinscheni. In den vergangenen Jahren erfüllte er sich einen Kindheitstraum und verwandelte den Hofacker, wie es es formuliert, in einen parkähnliche Garten mit Teich und manch idyllischem Eckchen.

Sicher wäre es schön, wenn die Landesstraße endlich auch auf dem Abschnitt Goritz saniert werden würde und das Dorf dabei auch einen Gehweg an der Straße bekommen könnte, meint Rainer Nevinscheni. „Immer wenn der Flicktross kommt, wissen wir, dass es auch in dem Jahr wieder nichts wird“, formuliert der Goritzer. „Wir sind ein bisschen das Stiefkind der Gemeinde. Bei uns stehen alte Laternen. Sie leuchten, wir brauchen keine anderen“, erzählt er und macht auch auf eine rustikale Bushaltestelle aufmerksam. Schade sei auch, dass das Dorf als Außenbereich gelte und durchaus vorhandene Lücken so nicht bebaut werden könnten.


Früher wussten Goritzer zu feiern


„Früher war mehr los“, sagt Rainer Nivenscheni noch und seine Mutter fügt hinzu: „Es hat sich auch gelohnt ein Kleid zu kaufen.“ Die Goritzer wussten zu feiern. Und fast wäre sowieso alles ganz anders gekommen. Eine große Bunkeranlage, die im Wald Richtung Tessin steht, hätte auch in Goritz gebaut werden können, erzählen die Nivenschenis. In den 1960er-Jahren seien die Bautrupps im Ort gewesen. „Am Ende soll hier zu wenig Wasser zur Verfügung standen haben“, berichtet Edith Nivenscheni (84).

Noch nicht sehr lange wohnt Karsten Wojcieszak (48) in Goritz. Er sei ins Dorf gekommen, als MV-Landwirtschaftsminister Till Backhaus nur ein paar Häuser weiter seine Freundin hatte. Vielleicht hätte die Liaison noch etwas fürs Dorf bringen können, denkt er, aber sie sei längst Vergangenheit. „Ich liebe das Landleben“, erklärt er. Er brauche keinen Trubel und wolle gern in Goritz alt werden.

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