Kriegsende : Marte Richter und der 1. Mai 1945

Marte Richter
Marte Richter

Kriegsende vor 70 Jahren in der Region um Güstrow / Eine Gülzowerin, damals in Kankel wohnend, erinnert sich

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30. April 2015, 06:00 Uhr

Geboren vor knapp 89 Jahren, erlebte Marte Richter das Kriegsende in Kankel. Sie war damals 18 Jahre alt und wohnte mit ihren Eltern, Curt und Anna Schwarze, im ehemaligen Schulhaus der Gemeinde. Der Vater war allerdings aus dem Kriegseinsatz noch nicht zurückgekehrt. Mit der Familie zusammen lebten noch zwei aus Westpreußen geflüchtete Familien. Hautnah erlebte und überlebte Marte Schwarze die Schrecken des Kriegsendes. 70 Jahre später erinnert sie sich:

Nach dem 28. April stieg auch bei uns die Unsicherheit und Angst. Was würde auf uns zukommen? Wo findet man einen sicheren Platz? Am Vormittag des 1. Mai kam unser Nachbar, Hans Gau, zu uns mit dem Vorschlag für ein Versteck für Hanna, die 17-jährige Tochter der in seinem Haus untergebrachten Flüchtlingsfamilie und für mich. Herr Gau führte mich zum Kuhstall, in dem sich ein Zwischenboden befand, auf den man nur mit einer Leiter kam. Dort lagerte noch Stroh. Durch zwei Löcher in der Außenwand kam etwa Licht in den niedrigen Raum, aber auch kalte Luft. Es gab nichts Besseres für uns, und wir brachten schnell Decken und ein Kissen auf den Boden, denn inzwischen hörten wir von Osten her schon Einschläge von Granaten. „Streufeuer zur Aufklärung“, meinte Herr Gau.

Es wurde schließlich später Nachmittag, als wir aus dem Schulhaus den Ruf „Sie kommen, sie kommen!“ hörten. Der Sohn unserer Mitbewohner hatte aus dem Giebelfenster zur Straße die anrückende Einheit russischer Soldaten erspäht.

Ich griff nach dem gepackten Rucksack und meinem Mantel und rannte los. Victor, der as Fremdarbeiter aus der Ukraine auf dem Hof arbeitete, und Hanna erwarteten mich schon. Victor reichte uns noch einen Eimer nach oben und zog die Leiter weg.
Jeder von uns machte sich nun seine eigenen Gedanken. Ich fragte Hanna: „Können wir Victor vertrauen?“ Sie war sich sicher: Er wird uns nicht verraten. An der vom Dorf abgewandten Stallseite hörten wir nichts als die Geräusche der Kühe. Vielleicht waren die Russen gleich weitergezogen? Wir wickelten uns die Decken bis über den Kopf und schliefen mit diesem Wunschgedanken auch bald ein.

Als wir mit steifen Gliedern aufwachten, hörten wir Viktor schon im Stall, aber auch andere laute Stimmen. Dann der jammervolle Schrei eines Schweines!

Etwas später von unten wieder laute Stimmen, dann das Knarren der Außentür, ganz nah ein Schuss. Immer wieder wurde geschossen. Wir wagten uns an die Wandlöcher heran und sahen ein Stück hinter dem Misthaufen den Schweinekopf. Er steckte auf dem Stiel einer Forke und wurde von den Russen, die dicht unter uns stehen mussten, als Zielscheibe benutzt. Ein schriller Pfiff, dazu eine laute Stimme machten der Schießerei ein Ende. Nach schnellen Tritten hörten wir dann nichts mehr.

Die Zeit, bis die Leiter wieder bei uns anschlug, erschien uns endlos lang. Unten empfing uns Victor mit einem beruhigenden „alles gut“.

Als ich nach Hause kam, fand ich Küche und Herd von unseren Mitbewohnern belagert vor. Mutter erzählte mir, warum das so war: Der Kommandant der Einheit hatte gleich das Schulhaus als Quartier genommen und mit zwei Ordonnanzen und einem Burschen unsere Wohnung okkupiert, das alte Ehepaar musste nach oben auf den Dachboden. Mutter wurde zur Küchenarbeit eingeteilt. Sofort musste sie den alten Kohleherd anheizen für Tee- und Waschwasser. Den Burschen schilderte Mutter als klein und mongolisch aussehend. Der hatte seine Augen überall und kannte sich schnell in unseren Schränken aus. Sein Lieblingswort, „dawei“, hat Mutter behalten.

Bei der Durchsuchung von Haus und Stall wurde auch unser Kartoffelvorrat entdeckt. Mutter musste abends und morgens einen großen Topf Pellkartoffeln kochen, dazu musste sie Eier auf Speck und Schmalz braten. Am Morgen brachten Soldaten Nachschub von den umliegenden Höfen, und der Bursche konnte so seinen Herren ein reichliches Frühstück servieren. Am Küchentisch saßen inzwischen drei Russen, die tranken und sich heiße Kartoffeln mit Salz schmecken ließen. Aber dann – endlich – gab der Kommandant das Signal zum Aufbruch und unser Haus wurde schnell verlassen. Mutter konnte nur noch den Fahrzeugen nachschauen. Endlich konnten sich alle im Haus frei bewegen.

Ich weiß nicht, wie man in den anderen Häusern von Kankel und Sabel die Nacht zum 2. Mai überstanden hat.
Bekannt wurde aber, dass nicht alle noch in den Orten befindlichen Bewohner überlebten. So wurden in Sabel der alte Herr Barten und in Kankel-Ausbau Herr Jürß erschossen, weil sie ihre Taschenuhren nicht hergeben wollten. In Sabel wählten Familie Buchholz mit zwei Kindern und unser Lehrer, Herr Siggelkow, vor dem 1. Mai den Freitod. In Dolgen musste der junge Hartmut von Plessen seinem Vater in den See folgen…

„Aller Anfang ist schwer“, heißt ein altes Sprichwort. Vor den Dorfbewohnern und den neu ankommenden Flüchtlingen lagen nun Monate voll Entbehrungen und voll schwerer Arbeit.

Marte Schwarzes Familie kehrte nach dem Krieg wieder nach Rostock zurück. Mit ihrer Heirat wurde Marte Richter in Gülzow ansässig, wo ihr Mann und dann auch sie im damaligen Forschungsinstitut Arbeit fanden. In Gülzow lebt Marte Richter bis heute.

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