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Min lüstt Dörp : Man pflegt einen freundlichen Umgang

vom
Aus der Redaktion des Güstrower Anzeiger

Rothspalk zählt 47 Einwohner und gehört zur Gemeinde Lalendorf

von
erstellt am 23.Jul.2015 | 06:52 Uhr

Die einen wollten nie anderswo sein, andere kamen zurück nach Rothspalk oder die Lebensumstände und der Zufall verschlugen sie dorthin. „So besonders attraktiv sieht Rothspalk nicht aus“, gesteht Siegmar Krüger (61), der nach einem Leben in der großen weiten Welt vor rund fünf Jahren in sein Elternhaus zurückkehrte. Einige der Dorfkaten an der Straße seien liebevoll saniert, andere verfallen oder ganz verschwunden. „Wir sind einfach zu wenige“, sagt Siegmar Krüger. Gleichzeitig habe Rothspalk aber eine interessante Einwohnerschaft.

„Zeitweise wohnen hier Familien aus Berlin, Rostock und Leipzig. Wir haben einen Franzosen und zwei Frauen, die in Moskau geboren sind, außerdem viereinhalb Doktoren“, erzählt Siegmar Krüger. Bei nur 47 Einwohnern gebe das einen ordentlichen Schnitt. Güstrow könne da wohl nicht mithalten, denkt der Rothspalker, der als Geschäftsführer im Ambulanten Zentrum für Prävention und Rehabilitation in Güstrow arbeitet.


Gut aufgehoben und doch sehr frei


Nach einer wunderbaren Kindheit – „Eine schönere Kindheit kann man sich nicht vorstellen. Wir waren gut aufgehoben und konnten uns frei bewegen.“ – und Schulzeit in Rothspalk machte Siegmar Krüger Abitur in Güstrow und studierte dann Außenwirtschaft in Moskau, lernte dort seine Frau Olga kennen – beide promovierten –, lebte mit ihr und den Kindern in Berlin, später in Moskau, Petersburg, Tallin und Vilnius. Eine Wohnung in Moskau habe man auch heute noch. Olga Krüger (58) hat als Repräsentantin einer deutschen Firma, die Kühltürme verkauft, öfter in Russland zu tun. Mit den Russland-Sanktionen sei vieles schwieriger geworden. „Es herrscht große Unsicherheit und alle hoffen, dass sich der gesunde Menschenverstand wieder durchsetzt. Beide Seiten brauchen einander“, schätzt Olga Krüger, eine Großstadtpflanze, die das Landleben lernt, ein. Der Großvater und der Vater von Siegmar Krüger waren Gärtner. Reste der einstigen Gutsgärtnerei sind noch vorhanden und wollen behutsam in die Neuzeit herüber gebracht werden.

Hoffnung für die Zukunft macht den beiden, dass das Gutshaus wieder belebt wird. „Es wird das Dorf verändern“, denkt der 61-Jährige. Dabei fällt ihm spontan die Familie Klatt ein, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus Schlesien nach Rothspalk kam. „Verantwortungsvoll, arbeitsam, ein Gewinn fürs Dorf“, schätzt Siegmar Krüger ein.


Dreifelderwirtschaft in Thiels Garten


Roswita Thiel (72) ist eine geborene Klatt. „Bis vor drei Jahren waren wir hier noch fünf Geschwister“, erzählt sie und gesteht, dass auch ihre Familie mit vier Kindern, sieben Enkeln und zwei Urenkeln unzertrennlich sei. „Alle wohnen in der Umgebung“, sagt sie. Man habe täglich Kontakt. Roswita Thiel hat ihr Leben lang bei der Gemeinde und später im Amt gearbeitet. Ihr Mann Reinhard Thiel (71) war zuletzt Hausmeister in der Schule in Langhagen. Beide lieben die Natur. Reinhard Thiel ist Jäger, Angler und interessiert sich seit jeher für die Vogelwelt. In einer Zimmerecke sitzen ein Waldkauz, eine Waldohreule und ein Mauswiesel – ausgestopft. „Alles Unfallopfer“, erzählt der 71-Jährige, der auch ein leidenschaftlicher Hobbyimker ist. Dabei geht es ihm weniger um die Honigernte als viel mehr um den „unheimlichen Nutzen der Bienen für uns und die Natur“. Als der Vater nicht mehr konnte, habe er wie nebenbei gesagt: Den Garten machst du doch weiter! „Wir bewirtschaften unseren Garten wie im Mittelalter: Dreifelderwirtschaft – zu je einem Drittel Kartoffeln, Gemüse und Brachfläche, auf der Phacelia als Gründüngung wächst“, berichtet Reinhard Thiel.

Etwas traurig stimmt ihn, dass an beiden Eingängen des Straßendorfes Ruinen stehen. Das bedauert auch Martha Scheffler (85). Vieles sei in Rothspalk verschwunden, erzählt sie, die 1947 als Vertriebene ins Dorf kam. „Wir hatten hier die LPG-Küche, einen großen Saal für Feierlichkeiten, es gab eine Schmiede, den Tischler, den Stellmacher und einen Konsum. Heute kommt noch das Brotauto vorbei“, erzählt sie und fügt hinzu: „Es wäre schön, wenn sich nochmal was tun würde. Dazu müssten junge Leute ins Dorf kommen.“ Wünschen würde sich Martha Scheffler, die Jahrzehnte lang in der LPG-Küche arbeitete, mehr öffentliche Wege zum Spazierengehen.


Kühler Norden statt Hitze in Frankreich


„Sie ist so etwas wie die gute Seele des Dorfes“, sagt Jean-Francois Gillot über seine Nachbarin. Sie helfe wie selbstverständlich und ohne viele Worte. Der Franzose ist mit seiner Freundin Gisela Weber am Wochenende und manchmal auch darüber hinaus in Rothspalk und lebt ansonsten in Berlin. Die Lebensumstände und der Zufall hätten ihn vor zwölf Jahren nach Rothspalk gebracht. Mit 60 war der Deutschlehrer in Pension gegangen. Nach einer Tour durch Skandinavien war er mit seiner damals viel jüngeren Partnerin am Malchiner See zu einer Radtour gestartet. „Wir kamen von Carsdorf nach Rothspalk und sahen vor dem Haus ein Verkaufsschild, aber keine Telefonnummer“, berichtet er. Zwei Kinder, die auf dem Hof spielten, konnten helfen. Ein paar Monate später kaufte er das Haus. „Wir sind hier nett aufgenommen worden“, betont Francois Gillot. Er komme wohl mit Deutschen besser aus, denkt er. „Ich mag auch nicht die Hitze zu Hause in Frankreich“, erzählt er. Was ihm in Rothspalk ein bisschen fehle, sei eine Kneipenkultur, wie er sie in Deutschland schätze.


Ertäglich dank LTE und Muttis Auto


Sitah Eisel (58) wollte, als sie noch in Krakow am See wohnte, eigentlich nach Carlsdorf ziehen. Doch 1987 habe dort kein Haus zum Verkauf gestanden. Auf dem Rückweg aus Carlsdorf habe sie dann ihr heutiges Haus in Rothspalk gesehen. „Es war schon für den Abriss freigegeben. Alle hielten mich für verrückt“, erinnert sie sich. Mit viel Liebe zum Detail sanierten sie und ihr Mann Ewald Eisel das Fachwerkhaus. Sie liebe die Ruhe und die Natur um sich herum ebenso wie interessante Menschen. Einen Maler und eine Schriftstellerin gebe es in der Nachbarschaft. „Wir haben hier keinen Stress. Die Menschen nehmen Rücksicht aufeinander und gehen freundlich miteinander um“, sagt Sitah Eisel. „Mir fehlt hier nichts“, fügt sie hinzu. Auf die Frage, wie man es als junger Mensch in Rothspalk aushalte, antwortet Sohn Hagen Eisel (20): „Dank LTE und Muttis Auto.“

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