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70 Jahre Kriegsende : Luftkampf über Groß Ridsenow

vom
Aus der Redaktion des Güstrower Anzeiger

Dr. Ulrich Bauer berichtet von seinen Erinnerungen an das Kriegsende vor 70 Jahren in Groß Ridsenow.

Wenn Rostock bombardiert wurde, hörten wir das Brummen der anfliegenden Bomber und sahen besonders bei Dunkelheit den Feuerschein der brennenden Stadt. Bei Annäherung der Flugzeuge sollten wir uns unter einem Dach oder im Gebüsch verstecken. Von Flugzeugen ging ständig Gefahr aus. Im Haus hatten wir eine Kiste mit Sand, eine Feuerpatsche und eine Handspritze stehen. Vor dem Haus war ein Bunker gebaut worden, eine Grube von zwei Metern Breite, zwei Metern Tiefe und fünf Metern Länge. Oben quer lagen Holzstämme. Darauf kam die ausgehobene Erde, so sah das Bauwerk wie ein kleiner Hügel mit einem schrägen Eingang aus. Der Bunker sollte vor Splitterbomben schützen. Er wurde zum Glück nicht gebraucht.

Weißer Punkt am Himmel

Im Frühjahr 1944 kam es über uns zu einem Luftkampf zwischen amerikanischen und deutschen Flugzeugen. Lautes Dröhnen der Maschinen und Beschusslärm waren zu hören. Wir mussten alle ins Haus. Dann begann es auf dem Dach zu klappern. Metallische Teile fielen von den Flugzeugen auf unser Hausdach. Als am Himmel wieder Ruhe einkehrte schauten wir nach. Das Dach hatte keine Schäden. Auf dem Hof fanden wir Geschosshülsen.

Marcel, der französische Kriegsgefangene, konnte die unterschiedlichen Hülsen zuordnen. Die etwas längeren, schmalen und dunkleren stammten nach seiner Erklärung von den deutschen Flugzeugen, die kürzeren, dickeren Hülsen aus den Bordwaffen amerikanischer Flugzeuge. Als wir mit dem Aufsammeln der Hülsen beschäftigt waren, zeigte unsere Mutter auf einen kleinen, weißen Punkt am Himmel, der sich bewegte und größer wurde. Wir konnten uns die Erscheinung zunächst nicht erklären. Auch hier wusste der Franzose die Erklärung. Ein Mensch schwebte zur Erde an einem Fallschirm. Ich war zunächst skeptisch. Im Religionsunterricht hatte ich gehört, dass zu Weihnachten Engel vom Himmel zur Erde herunterkommen. Wir sahen unter dem weißen Schirm dann einen Menschen, der in der großen Gemeindekoppel, etwa 1000 Meter von uns entfernt, landete.

Den Niedergang des Fallschirms hatten auch die Bauern der Nachbargehöfte beobachtet. Fritz Strohterm und Erich Henpel machten sich gleich auf den Weg. Wilhelm Wegner, mit Karabiner bewaffnet, ging auch hin. Er hatte die Aufsicht über die in der alten Schule untergebrachten französischen Kriegsgefangenen. Die gingen tagsüber zu den Bauern zum arbeiten. Abends musste er die Vollzähligkeit feststellen. Geflüchtet ist nach meiner Erinnerung keiner.

Fallschirmspringer aus den USA

Nach einer Weile kamen die drei Landwirte mit dem Fallschirmspringer den Weg entlang und hielten an unserer Hofeinfahrt an. Wir Kinder und unsere Mutter gingen hin. Es war kein Deutscher. Meine Mutter hatte im Studium Französisch und Englisch und versuchte, ins Gespräch zu kommen. Der junge Mann wollte jedoch nicht reden. Er teilte kurz mit, er komme aus den USA und sei verunglückt. Mehr war nicht zu erfahren. Piloten abgeschossener Flugzeugen drohten von der Bevölkerung aus Rache für die Bombardierungen gelyncht zu werden. Er wollte auch von seinem Fallschirm nichts abgeben. Aus der Seide hätte man was nähen können.

In der Dorfmitte gab es ein Telefon. Dort wurde Meldung erstattet und der Amerikaner von einem Fahrzeug der Wehrmacht abgeholt. Während wir weiter nach den Hülsen suchten, um diese zur Schule für die Sammlung von Metall mitzunehmen, war meine Schwester schon mit gleichaltrigen Mädchen und Jungen unterwegs zur vermuteten Absturzstelle des Flugzeuges. In Richtung Prebberede. Die Hoffnung, das Flugzeug und etwas Brauchbares, zum Beispiel Schokolade, zu finden erfüllte sich aber nicht.

Hülsen der Bordwaffen fanden wir bei der Gartenarbeit und auf dem Feld auch Jahre später immer wieder. So blieb das Ereignis in Erinnerung.

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