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Güstrower Anzeiger

22. November 2017 | 17:49 Uhr

SVZ-Serie : Lageralltag im Ersten Weltkrieg

vom
Aus der Redaktion des Güstrower Anzeiger

100 Jahre Kriegsgefangenenlager Güstrow-Bockhorst / Serie von Ulrich Schirow zum Beginn des Ersten Weltkriegs (Teil 2)

Im Güstrower Stadtarchiv befinden sich Tagebuchaufzeichnungen eines belgischen Gefangenen von 1915 aus dem Kriegsgefangenenlager Güstrow-Bockhorst und im Besitz des Autors sind überlieferte Berichte des Enkels eines schottischen Sergeanten, der während des Ersten Weltkriegs fast vier Jahre im Güstrower Lager verbrachte.

Auszüge aus dem belgischen Tagebuch: ,,Wir kamen um 19.30 Uhr in Güstrow an. Viele Zuschauer erwarteten uns am Bahnhof. In Gruppen zu fünf Mann wurden wir unter Bewachung ins Lager gebracht. Ich kam in Baracke Nr. 75 mit meiner Gruppe. Vorher wurden Dienstgrad, Name, Alter, Geburtsort, Heimatadresse, Beruf und Familie aufgenommen. Nach einer Stunde erhielten wir unser Abendessen: Saubohnensuppe. Ich begnügte mich mit eigener Reisekost, einer Scheibe Brot und einer Dose Ölsardinen, dann legte ich mich zum Schlafen auf meinen Strohsack.“


Eichelsuppe und Saubohnen


Über die Verpflegung im Allgemeinen im Gefangenenlager Güstrow-Bockhorst berichtet der Belgier weiter in einem Wochenplan: „Sonntagfrüh: 1 Kg Brot für 4 Tage, Eichelsuppe. Mittag: Pferdebohnen (Saubohnen). Abend: Weißkohlsuppe. Montagfrüh: Maismehl. Mittag: Rüben und Kartoffeln. Abend: Pökelhering und Eichelsuppe.“ Das wiederholte sich so die ganze Woche, nur in anderer Reihenfolge. Wer sich von den Gefangenen bessere Kost leisten wollte, konnte sich in zwei Kantinen zusätzlich mit Wurst, Käse, Hering, Bratfisch, Margarine, Kaffee, Zucker, Milch und Kartoffeln versorgen, alles aber sehr teuer.

Nun muss man wissen, dass die Gefangenen kein deutsches Geld besitzen durften. Das Geld, das sie aus ihrer Heimat geschickt bekamen, musste in Lagergeld umgetauscht werden. Zusätzlich bekamen die Gefangenen der westlichen Länder aus der Heimat Verpflegungs- und Kleidungspakete, so dass diese Gefangenen relativ gut versorgt waren. Sehr viel schlechter waren die russischen Gefangenen gestellt, denn sie erhielten auf Grund der revolutionären Verhältnisse praktisch nichts aus der Heimat, wodurch die Sterberate unter ihnen besonders hoch war.


Gefangene konnten sich frei bewegen


Das Güstrower Lager war so strukturiert und organisiert, dass die Gefangenen ihr Leben im Lager selbst gestalten konnten und auch sollten. Dazu konnten sich alle Gefangenen im Lager frei bewegen und hatten dadurch auch sehr viele Kontakte miteinander. Es gab Kulturveranstaltungen wie Theater, Konzerte unter Leitung eines französischen Kapellmeisters, Vorträge sowie Liederabende, und tägliche Sportveranstaltungen mit Fußball, Handball, Tischtennis, Gewichtheben, Boxen, Wettlaufen und Ringen. Die Wettkämpfe wurden oft Nation gegen Nation mit großer Lautstärke und viel Emotionen ausgetragen. Zusätzlich gab es laut Tagebuch im russischen Lagerteil einen so genannten Judenmarkt (Flohmarkt), auch mit Glücksspielen, damit die russischen Gefangenen durch Handel eventuell ihre Lebensverhältnisse ein wenig aufbessern konnten.

Trotzdem darf nicht vergessen werden, dass sie alle Gefangene fern der Heimat in einem abgeschirmtem Lager waren und viele von ihnen vier Jahre dort verbrachten. Der Belgier berichtet in auch von einer Gedenkfeier 1915 auf dem eigenen Friedhof: „Eine Woche nach Allerheiligen wurden wir auf den Friedhof geführt. Auf dem gut unterhaltenen Friedhof zogen wir mit entblößtem Haupte vorbei an den 472 Gräbern, die alle ein schwarzes Kreuz trugen mit den Namen, Todestag, Regiment und Nationalität.“ Er selbst hatte das „Glück“ auf Grund einer schweren Verwundung Invalide zu sein und nach sieben Monaten Lager nach Belgien entlassen zu werden.





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