Debatte über Russland : Krim-Einverleibung: Für Putin ein „Sechser im Lotto“

Noch lange nach dem Vortrag diskutierten Teilnehmer, hier der Güstrower Wolfgang Tautz, mit Ludmila Lutz-Auras. Hinten Petra Zühlsdorf-Böhm (l.) von der Volkshochschule und Silke Bremer von der Konrad-Adenauer-Stiftung.
Noch lange nach dem Vortrag diskutierten Teilnehmer, hier der Güstrower Wolfgang Tautz, mit Ludmila Lutz-Auras. Hinten Petra Zühlsdorf-Böhm (l.) von der Volkshochschule und Silke Bremer von der Konrad-Adenauer-Stiftung.

Vortrags- und Diskussionsabend in der Güstrower Volkshochschule über aktuelle Entwicklungen in Russland

von
07. April 2017, 21:00 Uhr

Ginge es nach dem Durchschnittsalter, das russländische Männer heute erreichten, „müssten wir alle hier schon tot sein“. Spontan platzte dieser Gedanke aus dem Mund eines Teilnehmers heraus, als Dr. Ludmila Lutz-Auras die Zahl 54 nannte. Die Referentin des Abends in der Güstrower Kreisvolkshochschule, engagiert von der Konrad-Adenauer-Stiftung, sprach über ihr „Heimatland“, über Russland unter Putin, über eine Demokratisierung mit Hindernissen, wollte bilanzieren und Ausblick geben. Vor allem aber ausführlich informieren und um Verständnis werben – nicht im Sinne der verächtlich „Putin-Versteher“ Genannten, sondern aus sachlichen Fakten heraus.

Als „Trassenkind“ – der Vater stammt aus Wismar und war beim Bau der großen Erdgasleitungen in der 1970- und ’80er-Jahren in der Ukraine eine damals nicht unübliche Liaison mit einer Sowjetbürgerin eingegangen – kam Tochter Ludmila kurz nach der Wende nach Deutschland, studierte in Rostock und Moskau unter anderem Slawistik und Neuere Geschichte Europas, ist seit zehn Jahren Mitarbeiterin der Uni Rostock mit den Forschungsschwerpunkten Geschichte, Kultur, Regierungssysteme und Außenpolitik in den Transformationsländern Osteuropas, speziell Russlands, der Ukraine und Weißrusslands. Dass unter den Spezialgebieten der promovierten Politikwissenschaftlerin auch „politische Mythen“ steht, mag für den Besuch des Abends in Güstrow für manchen der 40 Teilnehmer ein Anreiz gewesen sein, spielte aber in Vortrag und Diskussion keine vordergründige Rolle. In ihrem Vortrag beschränkte sich Lutz-Auras auf einen innenpolitischen Abriss Russlands seit dem Zerfall der Sowjetunion. Dies komprimiert in einem 75-minütigen Vortrag zu hören, bot eine Chance, viel zu erfahren.

Ganz zwangsläufig mündete das in die anschließende Diskussion, wie Präsident Putin von nur noch 62 Prozent Wählerstimmen im Jahr 2008, dem Tiefpunkt seiner Popularität in Russland, auf aktuell 90-prozentige Zustimmung kommt. Und dies bei für die Menschen schwieriger wirtschaftlicher Lage. Die profunde Kennerin des gesellschaftlichen Systems Putin/Russland nimmt etwaigen Zweiflern an der These jede Illusion: vor allem wegen der Einverleibung der Krim. Lutz-Auras: „Für Putin war das ein Sechser im Lotto.“ Patriotismus und Nationalstolz seien traditionell wesentliche Antreiber russländischen Selbstverständnisses. Militärisch-patriotische Erziehung spiele schon in der Schule, ja in der Kita bereits eine wichtige Rolle.

„Wie sind die derzeitigen Demonstrationen in Russland zu werten?“, wollte Friedrich-Wilhelm Kulik (Laage) wissen und denkt: „700 Kilometer vor Moskau stehen amerikanische Panzer – das gibt Ängste.“ Erwin Muchow (Güstrow) interessierte sich für die Rolle der Oligarchen. Auch eine Frage des Abends: „Woher haben Sie die Zahlen und wer hat sie übersetzt?“ Carsten Jansen (Güstrow) sorgt sich: „Wo steuert Russland hin, wenn das ausländische Kapital dringend benötigte Investitionen zurückhält?“ Karl-Heinz Fehlberg (Klein Krams) lenkte die Debatte zurück nach Westeuropa: „Was ist uns in Deutschland wichtiger – die innenpolitische Demokratisierung Russlands oder doch unsere Sicherheit, die der Welt?“ Und kommt zu der wohl entscheidenden Frage: „Wie arrangieren wir uns mit Russland? Darüber muss die deutsche Politik nachdenken.“ Carsten Jansen möchte da gerne für einen „bismarckschen Ansatz“ plädieren.

Ein Ausblick, und sei es auch nicht mit Jansens Ansatz, kam an dem knapp bemessenen Abend notgedrungen recht kurz. Vielleicht auch, weil einen solchen zu geben gar nicht möglich erscheint angesichts – Stichwort Syrienkrieg – nahezu täglich neuer Entwicklungen.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen