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SVZ-Serie zum Ersten Weltkrieg : Kriegsgefangene aus aller Welt in Güstrow

vom
Aus der Redaktion des Güstrower Anzeiger

Der Erste Weltkrieg und Güstrow / SVZ-Serie zur 100. Wiederkehr des Kriegsbeginns von Edwin Kuna / 5. und letzter Teil: Kriegsgefangene

Zwischen 1914 und 1918 gerieten Millionen Soldaten und Offiziere aus allen kriegsführenden Ländern in Gefangenschaft. Die Güstrower Zeitung veröffentlichte am 12. Dezember 1914 in einem Extrablatt Zahlenangaben zu Kriegsgefangenen, die aus Berlin gemeldet wurden: 220 000 Kriegsgefangene, davon vom Kriegsgegner Russland 1830 Offiziere und 91 400 an Mannschaften.

Zu diesem Zeitpunkt hatte die Stadt Güstrow bereits die ersten Erfahrungen mit Kriegsgefangenen. Anfang Oktober 1914 waren zwei Kriegsgefangenentransporte mit mehreren Hundert Franzosen, Turkos (französische Kolonie in Afrika) und Zuaven (aus Französisch-Nordafrika) eingetroffen und wurden in dem eigens dafür errichteten Barackenlager untergebracht. Die arbeitsfähigen Kriegsgefangenen wurden anfangs zur Erweiterung des Barackenlagers eingesetzt und für Bahndammarbeiten.

Ab sofort gab es in der Stadt zusätzliche Sicherheitsanordnungen. Der Umgang mit den Gefangenen wurde der Bürgerschaft untersagt und ebenso angeordnet „sich jeder Äußerung, sei es freundlichen, sei es feindlichen Charakters, zu enthalten…“ Und doch erregten bald die bunten Uniformen der Franzosen, Belgier, Engländer, Russen und der Schotten, mit großkarierten Kleiderröckchen und nackten Beinen, „das lebhafteste Interesse der Güstrower.“ Denn obgleich die Gefangenen interniert wurden, konnten sie der Öffentlichkeit nicht gänzlich entzogen werden. Sie kamen am Bahnhof an, marschierten auch durch die Stadt und wurden später in umliegenden Betrieben zur Zwangsarbeit eingesetzt.

Gelegentlich gab es einen Fluchtversuch, der aber regelmäßig scheiterte. Die Güstrower wurden darauf aufmerksam, wenn in der Stadt ein Steckbrief aushing, doch sie nahmen es gelassen hin. Denn die Erfolgsaussichten standen schlecht, oft waren sie mit gestohlener Kleidung von den Vogelscheuchen aus einem Garten unterwegs.

Außerdem gab es im Lager eine Menge alltäglicher Nöte, die oft mit nationalen Gewohnheiten der Gefangenen zusammenhingen. Ein Teil der Gefangenen bekam z. B. aus Mangel an Stiefeln stattdessen Holzschuhe, und diese verursachten Schmerzen, weil die russischen Insassen nie solche Fußbekleidung getragen hatten. Weiter fehlten Mäntel für eine große Anzahl der Gefangenen, wo es doch für die meisten 1915 auf den zweiten mecklenburgischen Winter zuging. Die Postverteilung dagegen war gut organisiert und nicht wenige der Kriegsgefangenen waren damit gut beschäftigt, denn von Güstrow aus wurde auch das Gefangenenlager in Neustrelitz versorgt.

Die häufigsten Klagen von Seiten der Gefangenen betrafen die vielen und strengen Strafen, selbst bei kleineren Vergehen und ein großes Thema war die ungenügende Nahrungsmittelzuteilung. Die Gefangenen beklagten die geringe Menge der Proviantrationen, namentlich der Brotrationen, doch Kriegsdeutschland musste inzwischen an allen Dingen sparen und streng rationieren. Dabei wussten auch die Wachmannschaften, volle Mägen waren das beste Mittel, um jedwede Unzufriedenheit zu verhindern. Deshalb verlangte das Kriegsministerium in Berlin für jeden Monat die Einreichung eines Speiseplans.

Ansonsten hieß es für alle Gefangene - die Zeit im Lager irgendwie durchhalten. Die meisten warteten vier Jahre lang und hofften auf einen Gefangenenaustausch oder auf den Friedensabschluss.

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