Stadtvertreterzoff : Krakow will endlich aus der Krise

Wolfgang Geistert
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Wolfgang Geistert

Stadtvertretung des Luftkurortes will ewigen Zoff beilegen / Mediator soll helfen

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21. Januar 2016, 06:00 Uhr

„Der größte Bremsklotz … in Krakow am See ist ein noch wenig kooperatives, von persönlichen Differenzen und Individualismus geprägtes Klima. … Die Entwicklung eines erheblich stärkeren Wir-Gefühls ist daher wichtigste Voraussetzung … für einen qualitativ hochwertigen Luftkurort Krakow am See.“

Worte und Sätze, die nicht neu sind in Krakow am See. Sie stammen aus dem Jahr 2004. Den Stadtvertretern muss es vorgekommen sein, als würde Ihnen jemand den Spiegel vorhalten, als sie diese Zitate lasen. Sie entstammen einer Tourismuskonzeption, die ihnen vor zwölf Jahren bereits unabhängige (Berliner) Tourismusexperten vorlegten. Sätze, die wohl allen Beteiligten zu denken gaben.


Schlechtes Klima schon seit vielen Jahren


Denn Stadtvertreter hätten auf einer Beratung vor gut einem Monat erkannt, dass sie im touristischen Bereich ihre Ziele nicht erreicht haben, gab Bürgermeister Wolfgang Geistert auf dem Neujahrsempfang der Stadt am vergangenen Freitag zu. Immerhin: In der Ursachenforschung sei man gemeinsam zu der Erkenntnis gekommen, dass ein Teil der Ursachen in der Zusammenarbeit der Stadtvertreter zu sehen sei. Genauer gesagt: in mangelnder Zusammenarbeit. Geistert: „Wir sind manchmal weit weg von konstruktiver Zusammenarbeit.“

Dabei gab es durchaus Ansätze zur Besserung. So gab es die gemeinsame Absicht, unter die Wokra-Affäre einen Schlussstrich zu ziehen. Der Aufsichtsrat des kommunalen Unternehmens, das zu 100 Prozent eine Stadttochter ist, meinte, einen Weg aus der Krise gefunden zu haben. Keine Schadensersatzklage gegen den Anfang 2014 gefeuerten Geschäftsführer oder andere möglicherweise „Schuldige“ an der Misere. Der Grund: Zu hoch wären die Prozessrisiken auch für die Wokra und damit für die Stadt. Eine Schadenshöhe ließe sich derzeit gar nicht beziffern, ja, überhaupt wäre ein tatsächlich entstandener Schaden für die Stadt und ihr Unternehmen erst noch nachzuweisen. Und wenn eine Klage denn am Ende Erfolg haben würde, gäbe es für Rückzahlungen denkbar schlechte Aussichten. Dies alles hatte ein Gutachter eines externen, profilierten Anwaltsbüros zu bedenken gegeben. Von diesen Bedenken geleitet, war die Empfehlung des Aufsichtsrates eindeutig: sechs zu eins votierten gegen den Klageweg, was Aufsichtsratschef Norbert Schlesiger zwar nicht in Zahlen, vom Grundsatz her aber bestätigt.

Am Ende sollte durch die Stadtvertretung eine gemeinsame Erklärung für die Öffentlichkeit die Sache beenden. Die teilweise sehr konträren Standpunkte in eine Form zu gießen, dies allein wäre wohl schon schwer genug gefallen. Das platzte aber deshalb, weil nach SVZ-Erkenntnissen die Gegenstimme intervenierte. Die „Rache“ sollte auf dem Fuße folgen – in Form eines Abwahl-antrages aus dem Aufsichtsrat im Dezember, der aber in der Stadtvertretung fehlschlug. Die viel weiterreichende Folge ist bekannt: Auf besagte Eingabe hin intervenierte auch das Innenministerium, die Stadtvertretung beugte sich in der Mehrheit dem Druck und bringt nun doch die Klagen auf den Weg (SVZ berichtete). Bürgermeister Geistert bezeichnet dies als „Tiefpunkt in der Zusammenarbeit der Stadtvertreter“, der auch durch „Einflussnahme der Aufsichtsbehörden in die kommunale Selbstverwaltung“ erreicht sei.


Fraktionschefs einig: Chance nutzen


Doch da war noch die für die Zerschlagung des gordischen Knotens vielleicht entscheidende Beratung im Hauptausschuss mit der deprimierenden Tourismusbilanz. Tiefen, gegenseitigen Blicken in die Augen des Gegenüber folgte die ausgesprochene Erkenntnis: „So kann es nicht weitergehen, dafür sind wir nicht gewählt worden.“ In der Gesprächsrunde wurde schließlich die Idee geboren, sich mit dem Ziel einer Verständigung helfen zu lassen. Ein Mediator soll zwischen den zerstrittenen Parteien vermitteln und mit allen gemeinsam Wege zu konstruktivem Zusammenspiel finden. Der Bürgermeister, parteilos, SPD-Liste, ehrenamtlich wie alle anderen Stadtvertreter auch und selbst oft genug in der Kritik von rund der Hälfte der Abgeordneten, meist aus CDU und Linke, will den Weg mitgehen. Geistert: „Wir müssen aus dieser Krise raus.“

Und die Fraktionsvorsitzenden pflichten hier unisono bei. Volker Meyer (SPD) sieht die angedachte Mediation als „große Chance, die Streitereien endlich zu beenden“. Wichtig wäre es, dass wirklich alle 15 Stadtvertreter teilnähmen. Christoph Küsters (Die Linke) möchte sein „grundsätzlich optimistisches Menschenbild“ wahren. Es sei ein Punkt erreicht, an dem es nicht weitergehe. „Wir wollen versuchen, unsere Zusammenarbeit auf eine etwas andere Grundlage zu stellen.“ Wunder könne das nicht bewirken, doch es sei „schon ein großer Schritt, dass dies auf den Weg gebracht ist.“ Michael Bock, der gerade erst den Fraktionsvorsitz in der CDU übernommen hat, bringt das Ziel einer Mediation so auf den Punkt: „Wir müssen mehr miteinander statt übereinander reden. Es geht schließlich um die Stadt Krakow. Dazu wollen wir jeden Strohhalm greifen, um das Klima in der Stadtvertretung zu verbessern.“ Am Ende, mahnt Bock, müsse die Lösung des Knotens „aus der Gruppe selbst“ kommen.

Oder wie die oben erwähnte Studie aus 2004 fordert: „Hier müssen alle Umsetzungsmaßnahmen ansetzen.“

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