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Handläufe für ein Fluss-Kreuzfahrtschiff : Kleine Firma mit großem Auftrag

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Aus der Redaktion des Güstrower Anzeiger

Sattlermeister Jörg Graumann produziert Handläufe für die Rostocker Neptunwerft / 12 500 Stiche macht er per Hand für ein Schiff

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erstellt am 14.Jan.2014 | 00:33 Uhr

„So einen Auftrag erhält man wahrscheinlich nur einmal im Leben“, schwärmt Sattlermeister Jörg Graumann, während er mit der Nadel seiner Nähmaschine durch das helle Leder sticht, das vor ihm liegt. Es ist ein Autoleder – sein Verwendungszweck ist heute allerdings ein anderer. „Ich beziehe damit die Handläufe für ein Fluss-Kreuzfahrtschiff“, erklärt der 50-jährige Güstrower.

Vor gut zwei Jahren kam er zu diesem bisher größten Auftrag seiner Karriere. Damals benötigte der Schiffsausrüster Kaefer Schiffsausbau einen Fachmann im Sattlerhandwerk und kam dabei zu der Meisterwerkstatt von Jörg Graumann. „Sie hatten wohl schon den ein oder anderen Sattler angefragt – viele trauten sich den Auftrag aber nicht zu“, erinnert sich der Güstrower und fügt hinzu: „Ich hab es einfach versucht und dachte bei mir: Mehr als schief gehen kann es doch nicht.“ Graumanns sorgfältige Arbeit überzeugte. Seither hat er bereits 20 Fluss-Kreuzfahrer mit seinen edlen Handläufen bestückt – dreizehn folgen allein in diesem Jahr.

Gerade ist eine neue Ladung Handlauf-Rohlinge in der kleinen Werkstatt am Brunnenplatz eingetroffen – insgesamt 50 Meter. Die Eisen-Rohlinge werden zunächst mit Neopren, dann mit dem hellen Autoleder beklebt und am Ende per Hand vernäht. „Wir haben mal nachgezählt: Etwa 12 500 Stiche machen wir für die Handläufe eines Schiffes“, erklärt Jörg Graumann, der in seinem Gesellen Steffen Lange einen verlässlichen Partner gefunden hat – nicht selbstverständlich im Handwerk.

„Einen guten Lehrling zu finden ist gar nicht so leicht – man muss Freude am Handwerk mitbringen, fleißig sein und viel Lernen wollen“, weiß der Sattlermeister aus eigener Erfahrung. Steffen Lange hat sich zuvor in einem Praktikum bewiesen und bekam nach seiner Lehrzeit eine Festanstellung in der Graumann’schen Sattlerei. „Man muss das wirklich wollen, denn die Schule ist unglaublich schwer“, erinnert sich der 25-Jährige, der für seinen Traumjob sogar von Schwerin in die Barlachstadt gezogen ist.

Beide sind ein eingespieltes Team, und während der Meister noch an der Nähmaschine sitzt, vernäht der Geselle sorgfältig die geschwungenen Handläufe. Das Nähen sei ihm nicht von Anfang an leicht von der Hand gegangen, aber es ließe sich sehr gut erlernen, besonders, wenn man einen guten Lehrmeister habe, verrät Steffen Lange. Besonders die Liebe zu Autos und deren Innenausstattung verbindet die beiden Männer. Umso schöner, dass sie auch beruflich das ein oder andere Schmuckstück verschönern dürfen. An die Innenausstattung eines Sportwagens und eines Lkws erinnern sich die beiden Güstrower noch gerne zurück.

„Der Beruf ist unglaublich vielseitig und es ist schön zu sehen, was man alles Tolles aus Leder herstellen kann“, schwärmt Steffen Lange. Dazu gehören natürlich auch die Handläufe, die später auf den Flüssen in ganz Europa unterwegs sein werden. Das Besondere daran: Jörg Graumann liefert die hochwertigen Einzelstücke persönlich aus und freut sich immer wieder, das Ergebnis seiner Arbeit in die Fluss-Kreuzfahrer eingebaut zu sehen.

„Wenn wir mit dem Auftrag fertig sind, dann schlage ich die meterlangen Handläufe in Schutzfolie ein und bringe sie persönlich zur Neptunwerft nach Rostock, wo die Schiffe gebaut werden. Das ist immer wieder ein tolles Gefühl“, erzählt der Sattler.

Für dieses Jahr wünscht er sich einen motivierten neuen Lehrling für sein Team, der nach einem Praktikum im kommenden Ausbildungsjahr bei ihm einsteigt. Einen der dieses alte Handwerk mit ebenso viel Hingabe betreibt, wie er selbst.

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