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Tatortreiniger in Güstrow : Klassenzimmer als Tatort

vom
Aus der Redaktion des Güstrower Anzeiger

Ralf Starck erzählt Schülern der Freien Schule Güstrow von seiner Arbeit als Tatortreiniger

Vorsichtig lugt Julius aus der 5. Klasse um die Ecke. Im Labor-Unterrichtsraum der Freien Schule Güstrow ist der Tafelbereich mit Polizeiband abgesperrt, daneben sind verschiedene Geräte und Reinigungsmittel sowie ein Schutzanzug mit Atemschutzmaske aufgebaut. Alles deutet auf einen Tatort hin. Was ist passiert?


Schüler dem Täter auf der Spur


Der Güstrower Ralf Starck, der einzige Tatortreiniger in Mecklenburg-Vorpommern, erzählt Schülern der 5. und 6. Klasse von seiner Arbeit. Die Unterrichtsstunde ist Teil eines Projektes zum Thema „Tätern auf der Spur“, das die Schüler seit einiger Zeit bearbeiten. „Wir haben bereits Fingerabdrücke untersucht, Fußspuren mit Gips ausgegossen und Fasern analysiert. Ziel des Projektes ist es, Tatsachen zu sichern, Vermutungen und Vergleiche anzustellen sowie Schlussfolgerungen zu ziehen“, erläutert Conny Schewe, Lehrerin für Mathematik und Sport, die die Gruppe betreut.

Dabei bleibe das Projekt nicht auf Straftaten beschränkt, sondern werde fächerübergreifend auf Natur- und Umweltthemen erweitert, so Schewe. Spektakulär freilich seien schon Gewaltverbrechen, weswegen die Schüler dem Besuch des Tatortreinigers besonders entgegengefiebert hätten, räumt die Lehrerin ein.

Seit November 2012 übt Ralf Starck die Tätigkeit eines Tatortreinigers aus. Den Schülern stellte er sein Arbeitsfeld vor. So wird Starck gerufen, wenn eine Wohnung, in der ein Gewaltverbrechen oder ein Suizid stattgefunden hat, geräumt und gereinigt werden muss. „Meine Arbeit beginnt grundsätzlich erst, wenn die Leiche abtransportiert ist und die Wohnung von Polizei, Staatsanwaltschaft und Gericht freigegeben wurde“, erzählt Starck. Dann sichte er im Auftrag von Hinterbliebenen den Nachlass, sortiere Gegenstände und Mobiliar und entsorge, wenn nötig, Tapeten und Fußbodenbeläge. „Dabei bleibt es nicht aus, dass ich mich mit dem Leben des Verstorbenen auseinandersetzen muss“, sagt Starck. Er erlebe immer wieder, dass Menschen sozialen Abstieg durch Alkohol und Drogen sowie Arbeitsplatzverlust erleiden und damit nicht klar kommen. Ein anderes Problem sei Vereinsamung im Alter, wenn sich Angehörige und einstige Freunde losgesagt hätten. „Dann kommt es schon vor, dass das Ableben eines Menschen erst Wochen und Monate später entdeckt wird“, bestätigt der Tatortreiniger, der auch sagt, dass ihn seine Tätigkeit bewusster über das Leben und den Tod nachdenken lässt.


Nicht alle Aufträge auch spektakulär


Aber nicht immer sind seine Aufträge so spektakulär. Ralf Starck wird auch gerufen, wenn Messi-Wohnungen geräumt, von Mietnomaden verwüstete Räume instand gesetzt oder völlig verwahrloste Unterkünfte gereinigt werden müssen. Oder er bringt seine Reinigungsgeräte im Auftrag von Autohäusern in Fahrzeugen zum Einsatz, die von starken Rauchern genutzt wurden. Selbst eine Taubenabwehr installierte er schon an einer Tankstelle. Inzwischen kooperiert der Tatortreiniger mit Partnern und bietet seine Dienste auch in anderen Bundesländern an. „Es läuft, die Aufträge kommen jetzt ziemlich regelmäßig herein“, bilanziert er. Mit der Projektstunde in der Freien Schule hat er sein Tätigkeitsfeld nun sogar erweitert.  

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