Klassenkampf im Hinterstübchen

Hans Modrow (80)
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Hans Modrow (80)

Die Kommunisten sind greis. Hans Modrow (80), 1989/90 letzter SED-Mann an der Spitze des DDR-Ministerrates, ruft die Basis der Linkspartei in Güstrow auf, die eigene Parteispitze zu mobben. Gastgeber: Der Verein "Rotfuchs", ein Sammelbecken unter anderem aus SED-Altkadern. Im Güs trower Lokal "Hansabad" ist die DDR für kurze Zeit wieder heil.

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26. Januar 2009, 09:05 Uhr

Güstrow | Die Tischdecken sind tiefrot im "Hansabad". Der große Raum ist voller Köpfe mit weißen Haaren; ein Jugendlicher sitzt zwischen 70 Senioren. Wilfried Schubert moderiert mit kantigen Bewegungen und militärischer Stimme; er streut eigene Ansichten ein: Im Nahen Osten kämpften derzeit die "reaktionärsten Kräfte" Israels gegen hilflose Palästinenser, erklärt er. "Die Bundeswehr ist nicht unbeteiligt." Das Vokabular sitzt; Schubert war einst Sekretär der Güstrower SED-Kreisleitung - ein Hardliner. Heute steht er an der Spitze des lokalen Vereins "Rotfuchs". Einmal im Monat lädt Schubert zur großen Politik. Dann blüht die alte Garde der SED wieder auf.

Die Leute kleben an seinen Lippen
Diesmal ist Hans Modrow zu Gast. Vor 19 Jahren war er der letzte Mann der SED an der Spitze der DDR. Zuvor Muster-Kader der Partei, 1973 bis 1989 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung. 1993 verurteilte ihn das Landgericht Dresden wegen Anstiftung zur Wahlfälschung, der Bundesgerichtshof hob dies wieder auf. Einer der wichtigsten Männer der DDR gilt heute als nicht vorbestraft.

Nach Güstrow kommt Hans Modrow als milder Botschafter linker Politik. Er spricht vom Ringen im Bundestag, dem vermeintlich angestrebten "Rüstungsmonopol" in der Europäischen Union, von Wirtschaftskrise, Marktwirtschaft, sozialer Schieflage. Die Leute im Raum kleben an seinen Lippen. Modrows Stimme krächzt, seine Hände stoßen Löcher in die Luft. Die SPD sei in der Krise, Kanzlerin Merkel "dämlich". Beifall, Nicken, lächelnde Gesichter. Die Genossen rücken zusammen.

Warnung vor "Geschichtsverfälschung"
Der Verein "Rotfuchs" erklärt, er wolle "Kommunisten und Sozialisten der Region zusammenführen". Der Einfluss der Gruppe wachse, verkündet das Sammelbecken auch verbitterter SED-Altkader. "2004 waren wir gerade eine Handvoll Akteure, heute nun müssen wir für unsere Veranstaltungen Räume im Bürgerhaus mieten." Sie prangern den "räuberischen Kapitalismus" an, fordern "politische Macht der Arbeiterklasse und gesellschaftliches Eigentum an Produktionsmitteln". Karl Marx lässt grüßen; er trohnt als Eröffnungsbild auf der Rotfuchs-Internetseite. Prominente Vertreter der SED-Diktatur haben die Güstrower Rotfüchse schon geladen. Rainer Rupp, Ex-Spion der DDR und des Warschauer Paktes, sah den "Anfang vom Ende der Vorherrschaft des USA-Imperialismus" kommen, Rolf Berthold, Ex-DDR-Botschafter in Rot-China, referierte über "Sozialismus im 21. Jahrhundert". Sarah Wagenkencht, Gallionsfigur der "Kommunistischen Plattform", fragte "Wie links ist die künftige Linke?"

"Wir sind nur noch 14,4 Millionen", erklärt Hans Modrow fast bedrohlich. Wir, das sind die Ossis, eine Minderheit, die es zu vertreten gelte. Wenn er das Wort Konsum ausspricht, klingt das wie der Einkaufsladen im DDR-Dorf. Den Partner WASG in der Linkspartei nennt er "den WAS". Ost und West, das seien immer noch zwei Welten und würden es noch lange bleiben. Die Renten, ach ja. Er hebt warnend den Finger: 20 Jahre nach dem Mauerfall müssten sich alle Genossen auf eine breite Geschichtsverfälschung der Ereignisse einstellen. In Politik und Medien. Er vergleicht den Bau von Autobahnen in den 1930er-Jahren mit Verkehrsprojekten der Bundesregierung. "Für die Schule ist kein Geld da." Ein Kommunist im Demokraten-Mantel verkleistert die Gegenwart.

Auch Barack Obama bekommt sein Fett weg
Macht und Ohnmacht vermischen sich, frühere eigene Verantwortung mit der Zuschauerrolle der Linken heute. Die Diskussion in Güstrow ist auf Zeitreise. "Wir sind im Durchschnitt über 67 Jahre alt", sagt ein Mann. Was tun? "Die FDJ", wirft jemand ein. Lachen, dann Erstarrung. "Wie sollen nur junge Menschen für die Linkspartei gewonnen werden?", fragt Modrow. Der Güstrower Kreisvorstand der Linken wirbt um Kandidaten und Helfer für die Kommunalwahl. Alles verwischt: Rotfüchse, Linkspartei-Mitglieder, Parteilose - gestern und heute. "Wo ein Genosse ist, da ist die Partei", sagt ein Mann. "Das war gar nicht so schlecht." Eine ältere Frau schimpft auf Medien-Vertreter: "Die Reporter müssten einen Tritt in den Hintern haben." Barack Obama bekommt sein Fett weg: Der US-Präsident werde sich bald den Reichen und Mächtigen beugen müssen, sagt Modrow im matten Licht eines Güstrower Vereinslokals. Er erzählt vom Treffen mit Oskar Lafontaine 1982: "Wir haben Brüderschaft getrunken." Und berichtet von Treffen mit Kommunisten-Führern in Kuba. Die Güstrower lauschen ehrfurchtsvoll.

Dann steht Monty Schädel auf. Der parteilose Linksaktivist fordert die greisen Güstrower auf, die politische Richtung der Partei wieder nach links zu drücken. Das Alter "zählt nicht". Er attackiert die Landesspitze der Linkspartei und Mandatsträger: "Andre Brie erzählt Scheiße." Aufruhr in der Runde. Zustimmung. "Rotfuchs"-Chef Wilfried Schubert erklärt: "Das war der Genosse Monty. Deinen Vornamen habe ich nicht verstanden." "Monty", sagt Schädel.

Die Genossen schimpfen auf die Parteispitze
Die Spitze der Linkspartei ist jetzt im Visier. Mehrere Genossen schimpfen auf Brie, Dietmar Bartsch - "Partei-Karrieristen". Hans Modrow deklassiert Landespolitiker Helmut Holter: Wer die Enteignung von Hotels und Unternehmen 1953 in der DDR mit "Terrorismus" vergleiche, sei "unqualifiziert". Die Partei passt für Modrow jetzt auf ein Blatt Papier. Er zeichnet ein Rechteck, hält das Blatt hoch - oben die schmale Führung, dazwischen ein "Filter", darunter die gelähmte Basis. Der Filter müsse weg. "Kein demokratischer Zentralismus", fordert er. "Das hatten wir schon mal", wirft jemand ein. Unter Modrow - aber das sagt niemand.

Nach über zwei Stunden gehen die betagten Kommunisten nach Hause. Der Klassenkampf macht vier Wochen Pause. Am 19. Februar lädt "Rotfuchs" wieder zur Diskussion in Güstrow ein. Gast ist dann Egon Krenz, letzter DDR-Staats- und Partei-Chef vor dem Mauerfall. Ein von der Justiz Verurteilter - wegen Totschlags an DDR-Flüchtlingen.

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