zur Navigation springen
Güstrower Anzeiger

19. November 2017 | 17:13 Uhr

Güstrow : Keine Zeit für Tour nach Seattle

vom
Aus der Redaktion des Güstrower Anzeiger

Der Güstrower Geowissenschaftler Prof. Jan Harff reist viel um die Welt, forscht und publiziert – wieder einmal preisgekrönt.

von
erstellt am 04.Nov.2017 | 05:00 Uhr

Wenn über einen Güstrower mit der Ortsmarke „Stettin“ (Szczecin) geschrieben wird, ist das nicht so ganz gewöhnlich. Für Jan Harff schon. Der Geowissenschaftler ist seit fast zehn Jahren an der Universität im benachbarten Polen tätig, hat dort seit 2010 eine Professur. So ist der Arbeitsmittelpunkt für das Güstrower Ehepaar Jan und Angelika Harff Szczecin. Fast nur an Wochenenden kann man den gebürtigen Güstrower in seiner Heimatstadt antreffen. „Aber ich betrachte mich nach wie vor als Sohn dieser Stadt“, stellt er gerade.

Mit 74 Lebensjahren ist Jan Harff aber nicht nur zwischen Polen und Güstrow unterwegs, sondern reist immer noch beruflich durch die Welt, mal nach Amerika, mal nach Südafrika, öfter mal nach China. Eine Reise in der vergangenen Woche an die Westküste der USA musste er absagen, weil er in anderen Terminen auf Zypern und in Estland gebunden war. Dabei war die avisierte Reise nach Seattle mit einer hohen Auszeichnung verbunden. So nahm also sein Kollege Martin Meschede von der Universität Greifswald den Mary B. Ansari Forschungspreis des American Geoscience Institute stellvertretend für die vier Herausgeber einer Enzyklopädie entgegen (SVZ berichtete).

„Seattle wäre für mich zu eng geworden“, musste Harff sich eingestehen. Seinen Stolz auf das vollbrachte Werk kann das nicht mindern. Ja, das Wort „stolz“ erscheint ihm und seinen Kollegen gerechtfertigt angesichts des knapp 1000 Seiten dicken Bandes, der sich speziell an Wissenschaftler und Studenten, Ingenieure, Ökonomen und Politiker wendet. Die „Encyclopedia of Marine Geosciences“ (Enzyklopädie der Meeresgeowissenschaften) sei ein konzentrierter Überblick über die Geowissenschaften, der in Bibliotheken von Universitäten ausliegen werde, aber auch online zu studieren sei. Die Würdigung des im Springer-Verlag erschienen Bandes durch die Geoscience Information Society des American Geosciences Institute (AGI) als bestes wissenschaftliches Werk des Jahres, beweise ihm, dass der große Aufwand gerechtfertigt war.

Gewidmet hat er das großformatige Buch einem neuseeländischen Kollegen. Terry Healy (1944-2010), so dessen Name, habe ihm einst nahe gelegt, solch einen Band über die marine Geologie zu verfassen. „Es gab, dank neuer technologischer Möglichkeiten, eine Explosion des Wissens über die Meeres-Geologie. Aber es fehlte an einer Zusammenfassung des inzwischen großen publizistischen Wissens. Mir war aber gleich klar: Das schaffst Du nicht allein, also habe ich mir drei Kollegen gesucht“, erinnert sich Harff an den Anstoß. Neben Martin Meschede, der sich speziell mit der Plattentektonik beschäftigt, waren das Sven Petersen vom Geomar-Institut Kiel, dessen Schwerpunkt ist die Rohstoffsuche, sowie Jörn Thiede, dessen Forschungsinhalte an der Universität St. Petersburg die Tiefwasserkruste betreffen. Harff selbst beschäftigen die Ränder der Ozeane, also der Meeresübergang zu den Kontinenten.

180 Autoren aus aller Welt konnte das Herausgeberteam gewinnen, die es galt, mit ihren wissenschaftlichen Abhandlungen zu Struktur, Prozessen und Genese der marinen Geosphäre unter einen Buchdeckel zu bekommen. Jan Harff: „Vier Jahre würden wir brauchen, hatten wir gedacht – es hat dann acht gedauert! Manches Mal dachte ich, das wird nichts. Aber mein Kollege Terry war dann verstorben – also konnte ich ihm das Projekt auch nicht mehr zurückgeben. Wir mussten einfach weitermachen.“

Und einem zweiten Kollegen, Eugen Seibold (1918-2013), ist das Buch gewidmet. Harff: „Der hat Deutschland zu einem hochrespektierten Partner in Sachen Meeresgeologie gemacht.“ Dieser „Vater der Meeresgeologie“, wie Harff Seibold bezeichnet, habe ihm „den entscheidenden Anstoß“ für sein Studium gegeben. Als DDR-Forscher dieses Fachgebietes habe man enormen Einschränkungen unterliegen müssen, erinnert Harff. Stichwort: Reisebeschränkungen. Seibold habe ihn mit einem Vortrag die „Methodische Geologie“ nahe gebracht. „Das war ein Fach, das in der DDR für Forscher machbar war, ohne reisen zu müssen.“ Nachdem Harff auf diesem Gebiet promovierte, habe er unter anderem mathematische Methoden mitentwickelt, um Energiereserven in der DDR aufzuspüren.

„Erst nach der Wende war es mir möglich, in Warnemünde als Meeres-Geologe zu arbeiten.“ Jan Harff arbeitete seither bis zu seinem (vermeintlichen) Ruhestand beim Leibnitz-Institut Warnemünde. Doch dann kam der Ruf aus Szczecin – wo auch Ehefrau Angelika im Team der Uni-Bibliothek tatkräftige Hilfe bei der Katalogisierung leisten konnte. Und auch für das nächste Jahr hat Professor Jan Harff schon wieder Projekte, so in China, geplant. Von wegen Ruhestand…

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen