zur Navigation springen
Güstrower Anzeiger

23. November 2017 | 10:43 Uhr

Azubi-Suche : Kein Nachwuchs fürs Handwerk

vom
Aus der Redaktion des Güstrower Anzeiger

Landesweit fehlen rund 1800 Auszubildende in den verschiedenen Gewerken / Auch in Güstrow noch freie Lehrstellen

In den Betrieben Mecklenburg-Vorpommerns bleiben in diesem Jahr so viele Ausbildungsplätze unbesetzt wie nie zuvor. Die größten Lücken gibt es in der Gastronomie, Bauwirtschaft, im Agrarbereich und dem Handwerk, wie unlängst eine Umfrage unter den dominierenden Wirtschaftsbranchen im Nordosten ergab. Die Zahl der offenen Stellen hatte Ende August mit 3800 um elf Prozent höher als vor einem Jahr gelegen. Im Handwerk sind derzeit mehr als ein Viertel der rund 1800 angebotenen Stellen noch nicht vergeben.


Qualifikationen lassen zu wünschen übrig


Sattler Jörg Graumann spürt dieses Problem hautnah in seinem eigenen Betrieb. Gerne würde der Güstrower einen Auszubildenden beschäftigen, aber oft scheitert dieses Vorhaben an fehlender Motivation, wenig Kreativität und mangelnder Schulbildung der Jugendlichen. „Mehr als zehn Bewerbungen haben mich in diesem Jahr erreicht – eigentlich nicht schlecht, wie ich finde, doch die Qualifikationen lassen häufig zu wünschen übrig“, sagt der Sattlermeister, der recht konkrete Erwartungen an seine potenziellen Lehrlinge stellt: „Ich lade die Interessierten immer zu einem Praktikum ein, um mir einen ersten Eindruck zu verschaffen“, sagt Jörg Graumann und fügt hinzu: „Wichtig ist mir in erster Linie, dass der Lehrling Spaß an dem Beruf hat, eine gewisse Kreativität und Fingerfertigkeit mitbringt.“ Auch die Frage nach Allergien – besonders gegen Tierhaare und Staub – stelle Graumann immer und ein Blick aufs Zeugnis bleibe auch nicht aus.

„Grundsätzlich bin ich offen für jeden Bewerber ganz gleich von welcher Schulform, aber eine Drei sollte schon im Abschlusszeugnis stehen“, sagt der Fachmann. Die Berufsschule sei nicht leicht. Insbesondere der Anteil an Chemie sei knifflig, eine gute Schulnote sei dabei von Vorteil, so Graumann. Aber noch wichtiger sei ihm ein wirkliches Interesse an dem Beruf des Sattlers. „Es ist ein abwechslungsreicher Job, bei dem eigene Ideen entwickelt und kreativ umgesetzt werden können“, schwärmt der Sattler mit Leib und Seele, dem ausgefallene Aufträge am meisten Freude bereiten.


Gerne auch ausgefallene Aufträge


So habe er vor einiger Zeit eine Tasche für einen historischen Taucheranzug entworfen oder einen Sportwagen mit feinstem Leder ausgekleidet. Im Moment wartet ein rund 100 Jahre altes Sofa in seiner Werkstatt auf eine Aufarbeitung. „Das sind die Stücke, die zwar viel Zeit in Anspruch nehmen, aber auch etwas ganz besonderes sind. Da arbeitet man auch mal ein paar Stunden länger als üblich – Hauptsache das Ergebnis stimmt“, verrät Jörg Graumann mit ein wenig Stolz in der Stimme.

Warum er keinen geeigneten Lehrling findet? Graumann mutmaßt, dass sein Berufsstand nicht bekannt genug sei. „Wir wissen ja, dass dem Handwerk der Nachwuchs fehlt und Sattler ist den jungen Leuten kaum noch ein Begriff. An den Aufträgen liegt es jedenfalls nicht, denn wir haben mehr als genug zu tun“, erklärt der Güstrower. Die Nachfrage nach handwerklich gut gemachten Produkten wächst, dass merkt auch Graumann. Doch ohne passenden Nachwuchs werden die Handwerksbetriebe nach und nach vom Markt verschwinden.

Noch gibt der Sattlermeister die Hoffnung nicht auf, einen Azubi für das aktuelle Lehrjahr zu finden, so wird er auch an den Schulen der Region noch einmal die Werbetrommel für seinen Beruf rühren. „Ich möchte einfach auch meine Nachfolge sichern, denn ich will ja nicht nur ausbilden, sondern möglichst auch einstellen“, bleibt der Handwerksmeister guter Dinge.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen