Wiedervereinigung : Irrfahrt der Seele endet nach 50 Jahren

Angelika Jörß und Ralf Deutschmann vor dem ehemaligen Kinderheim in Güstrow. In dem ersten Zimmer im Dachgeschoss links neben dem Hauptportal hatte Angelika Zielke mit noch einem Mädchen ihr Zimmer.
Angelika Jörß und Ralf Deutschmann vor dem ehemaligen Kinderheim in Güstrow. In dem ersten Zimmer im Dachgeschoss links neben dem Hauptportal hatte Angelika Zielke mit noch einem Mädchen ihr Zimmer.

Angelika Jörß hat nach einem halben Jahrhundert ihren sehnlichst vermissten Sohn Ralf Deutschmann, beide aus Güstrow, wieder gefunden.

svz.de von
10. November 2015, 06:00 Uhr

Sonnabendvormittag vor dem ehemaligen Güstrower Kinderheim in der Goldberger Straße. Zwei Menschen stehen eng aneinander geschmiegt vor dem Haus. Sie verbindet ein bewegendes Schicksal, dessen letztes Kapitel sich an diesem Vormittag schließt. Es sind die gebürtige Güstrowerin Angelika Jörß (71), jetzt Ludwigslust, und Ralf Deutschmann (53) aus Güstrow: Mutter und Sohn – die sich nach 50 Jahren nach einer endlos langen und bis zur Verzweiflung ausufernden Suche wiedergefunden haben. 1965 wurden beide durch eine tragische Zwangsadoption getrennt. Aufgedeckt wurde das in der SAT 1-Sendung „Julia Leischik sucht – bitte melde Dich“.

TV-Sendung bringt beide zusammen

Den Endpunkt dieser Irrfahrt der Seele setzen Mutter und Sohn Sonnabend dort, wo 1965 alles begann – im Kinderheim und drei Jahre zuvor im Säuglingsheim daneben. SVZ ist in dem bewegenden Moment dabei. „Ich lass‘ dich nie mehr los!“, ruft Angelika Jörß laut. Ralf Deutschmann antwortet vom Moment überwältigt: „Ich dich auch nicht!“

Rückblick ins Jahr 1962: Angelika Zielke lebt im Kinderheim Güstrow. Sie ist noch minderjährig. Ein SED-Funktionär ist ihr Vormund, im Jugendamt beim Rat des Kreises hat sie eine Betreuerin. Als sie schwanger wird, beschließen Vormund und Betreuerin, dass sie das Kind abtreiben soll. Angelika Zielke will aber nicht. Ihr Glück: Sie hat einen ihr wohl gesonnenen Frauenarzt, der die Untersuchungen bis zu ihrem 18. Lebensjahr hinzieht. Am 10. August 1962 wird ihr Ralf in Güstrow geboren. Er kommt ins Säuglingsheim. Angelika Jörß: „Das war damals so. Ich konnte meinen Sohn aber jeden Tag besuchen. Manchmal erlaubte mir eine Säuglingsschwester sogar bei ihm zu übernachten.“ Da ist alles noch gut. Dann bezieht sie ihre erste Wohnung im Krönchenhagen. Den Weg, den sie Sonnabend mit ihrem Sohn ging, machte sie damals jeden Tag.

DDR-Behörden verbieten Suche

In dieser Zeit muss in der Partei- und Staatsbehörde beschlossen worden sein, dass Ralf der Mutter weggenommen werden soll. „Das geschah auf ganz perfide Weise“, weiß Ralf Deutschmann heute. Der Mutter werden Papiere für die Verlegung von Ralf ins Kinderheim vorgelegt. Die unterschreibt sie. Aber in Wirklichkeit ist es die Adoption ihres Kindes. Die junge Frau erleidet einen Nervenzusammenbruch als bei ihrem nächsten Besuch Ralf nicht mehr im Heim ist. Alle Nachfragen werden im Keim erstickt. „Wenn du die Füße nicht still hältst und die Suche nicht lässt, passiert was“, wird ihr gedroht. Inzwischen lebt Angelika Jörß in Ludwigslust, hat geheiratet und ein Kind bekommen. Sie stellt ihre Nachfragen aus Angst ein. Nach der Wende erst kann sie weiter suchen. Sie schaltet das DRK und den Malteser Hilfsdienst ein, ohne Ergebnis: Ralf bleibt unauffindbar. „Was ich in dieser Zeit mit meiner Familie durchgemacht habe, war grauenhaft. An jedem Geburtstag am 10. August habe ich an Ralf gedacht. Immer fehlte er“, erzählt Angelika Jörß unter Tränen. Ihr Sohn Felix (27) ist es dann, der eine neue Suche übers Internet startet. Aber auch hier wird die Familie nicht fündig. Da reift die Idee, SAT 1 einzuschalten. Das geschieht im Mai 2015. Mit dem Ergebnis, dass Ralf Zielke gefunden wird – als Ralf Deutschmann in Güstrow.

Der gelernte Landmaschinenbauer und langjährige Medienberater im Blitz-Verlag in Güstrow erfährt am 2. September, dass er 1965 adoptiert wurde. „Ich wusste von nichts, habe nie etwas geahnt. Deshalb war ich total überrascht, schockiert und es war hart, als ich das erfuhr“, sagt er. Erst jetzt, als alles bestätigt ist, wird ihm einiges bewusst. Ralf Deutschmann: „Z.B. habe ich nie Babyfotos bzw. Fotos, auf denen ich jünger als vier Jahre war, von mir gesehen.“ Aber er hatte sich keine Gedanken darüber gemacht, zumal er bei seinen Adoptiveltern eine schöne Kinder- und Jugendzeit hatte. „Mir fehlte es an nichts, daher lasse ich nichts auf sie kommen“, betont Ralf Deutschmann. Er ist zwar enttäuscht, dass sie dieses Wissen mit ins Grab genommen haben. „Aber Groll hege ich deshalb nicht gegen sie“, sagt Ralf Deutschmann, der nicht verheiratet ist und keine Kinder hat.

Ralf Deutschmann hat jetzt eine große Familie

Das erste Wiedersehen mit seiner Mutter ist am 4. September in Köln beim TV-Sender. Es dauert nur Momente, da liegen sich Mutter und Sohn in den Armen. „Ich liebe dich. Du siehst aus wie früher“, sind die ersten Sätze der Mutter. Ralf Deutschmann ist in der gleichen Gefühlslage. „Ich habe zu meiner Mama gesagt, dass sie ihr Versprechen gehalten hat und wiedergekommen ist“, erzählt er. Der kleine Ralf hatte seine Mutter immer, wenn sie sich im Heim von ihm verabschiedete, gefragt: „Tommst du bald wieder?“ Seine Mutter hatte immer geantwortet: „Ja, ich komme wieder!“ Dass dazwischen aber fünf Jahrzehnte liegen sollten, hätte sie sich nie vorstellen können.

Zwar kann diese Zeit nicht aufgeholt werden, aber seit dem 4. September haben sich Ralf Deutschmann und seine Mama, wie er sie wie früher nennt, sehr oft gesehen. Auch seine neue Familie hat er kennen gelernt. „Solange dachte ich ja, dass ich ein Einzelkind bin, jetzt habe ich urplötzlich fünf Brüder und bin durch acht Nichten und Neffen mehrfacher Onkel“, geht ein Lächeln über seine Lippen.

Freude auf gemeinsame Weihnachten

Sonnabend ging Ralf Deutschmann mit seiner Mutter auch in die Straße der DSF, wo er mit den Adoptiveltern wohnte. Auch das ist im Nachhinein schizophren. Ralf Deutschmann: „Da hat mich meine Mama in Güstrow gesucht und ich war gar nicht weit von ihr entfernt. Trotzdem schaffte es das System, uns zu trennen.“ Mit dem Sonnabend und dem gemeinsamen Blick auf das Kinderheim soll nun aber Ruhe in ihr Leben einkehren. Mindestens alle 14 Tage treffen sich Mutter und Sohn. Besonders freut sich die neue Familie auf Weihnachten. „Wir feiern in Ludwigslust, das erste Mal nach 50 Jahren gemeinsam“, sagt Ralf Deutschmann überglücklich und seine Mutter nickt.

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