Flüchtlinge in MV : In Güstrow gestrandet

Ahmad Koujar zeigt sein vorläufiges Personaldokument. Sein Gesicht möchte er lieber nicht in der Zeitung sehen, aus Sorge um seine Eltern in Aleppo.
Ahmad Koujar zeigt sein vorläufiges Personaldokument. Sein Gesicht möchte er lieber nicht in der Zeitung sehen, aus Sorge um seine Eltern in Aleppo.

Ahmad Koujar aus Aleppo hofft auf Asyl in Deutschland. Syrer hätte Familienanschluss in Bonn – wird jedoch nach Güstrow „verteilt“

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24. September 2015, 08:00 Uhr

Auch in der Barlachstadt sind sie gestrandet, Flüchtlinge vor dem Bürgerkrieg in Syrien. Seit zwei Monaten lebt Ahmad Koujar in einem Plattenbau in der Verbindungschaussee.

An den Wohnungstüren steht nichts. Wo wer in dem Haus wohnt, ist am Briefkasten zu lesen. Wenn es denn stimmt und aktuell ist. Doch auf das Klingelzeichen wird rasch geöffnet. „Ahmad? Yes, please…“ Ohne große Umstände bittet ein junger Mann, mit typisch „südländischem“ Teint, herein. Im Wohnzimmer bietet er Platz auf der leer geräumten Couch an, Ahmad wird aus dem Nebenzimmer gerufen. Unergründlich, wobei er gerade gestört wird – es gibt dort lediglich ein Doppelbett und einen leeren Schrank, eine Scheibengardine bedeckt die untere Fensterhälfte.

Mit fünf jungen Männern teilt sich der kräftig wirkende 19-Jährige die kleine Dreiraumwohnung. Alle kommen aus Syrien, bedeuten sie. Immer zwei haben ein Zimmer, einmal mit Doppelstockbett, im „Wohnzimmer“ steht noch ein Einzelbett. Einen einfachen Schrank gibt es in jedem Raum, nennenswerter Inhalt: Fehlanzeige. Ob der Mini-Fernseher im Wohnzimmer funktioniert? Die kleine Küche und die Nasszelle werden gemeinschaftlich genutzt. Auf dem schmalen Balkon ist Platz für ein Tischchen und zwei Stühle. Schlichter zu leben und enger geht kaum.

Dabei müsste Ahmad Koujar gar nicht hier sein. Im April habe er sich auf den Weg gemacht, berichtet er zögerlich. Das Haus, in dem die Familie in Aleppo gewohnt hatte, sei zerbombt. Die Eltern hätten in einer Schule Obdach gefunden. Den Sohn, der eigentlich in Richtung Elektronik studieren sollte, schickten sie los. Deutschland ist nicht zufällig Ziel des Muslims. Hier lebt seit gut 20 Jahren ein Zweig der Familie. Ein weiterer Familienzweig, erzählt Ahmad, lebe in Dänemark.

Also steuert der Syrer Bonn an, wo ihm Onkel und Cousine schon signalisiert hätten, er wäre willkommen. Und er schafft es nach zwei Monaten, größtenteils zu Fuß, glücklich in die alte Bundeshauptstadt. Wie genau und auf welchen Wegen, das will er lieber nicht verraten. Die Familie in Bonn nimmt ihn freudig auf. Sie weiß um die Gesetze in Deutschland, wie man einen Asylantrag stellt, schickt ihn zur Erstaufnahme nach Dortmund. Alles soll seinen geregelten Gang gehen, Ahmad soll schließlich nicht illegal in Deutschland sein.

Doch in Bonn, wo man ihn zurückerwartet, kommt Ahmad nicht wieder an. Dem Verteilerschlüssel geschuldet, vielleicht auch einem Behördenversehen, geht in Deutschland Koujars Odyssee weiter. Über Hamburg landet er in Güstrow. Bis zum 29. September ist sein vorläufiges Personaldokument ausgestellt, das mit „Aufenthaltsgestattung zur Durchführung des Asylverfahrens“ betitelt ist. Wie es danach weitergeht? Koujar weiß es nicht. Er hofft, dass bis dahin sein Asylantrag beschieden wird.

Dass er Asyl in Deutschland bekommt, damit rechnet Ahmad Koujar ganz fest. Nach Syrien, nach Aleppo will er jedenfalls nicht zurück. Das Haus sei zerbombt, und der Krieg wolle und wolle nicht enden, sagt er. „Im Schlaf träume ich von den Bomben“, erzählt der Flüchtling leise. Übersetzen muss die arabischen Worte ein Zimmerkollege ins Englische, das Koujar ebenso nicht spricht wie deutsch. Dringend möchten sie die deutsche Sprache lernen, sagt der „Dolmetscher“. In Bonn, so denkt Ahmad, fände er dann ganz sicher bald auch Arbeit. „Erwerbstätigkeit nicht gestattet“ ist in seinem Personaldokument vermerkt – besiegelt mit einem Stempel des Landkreises. „Wir sitzen hier nur untätig herum“, beklagt der Übersetzer. Und sie bräuchten Fahrräder, um in die Stadt zu kommen, könnten sogar zahlen, natürlich nicht viel. Wie es nach dem 29. weitergeht? Ahmad Koujar hebt unsicher die Schultern.

Alles rund um die aktuelle Flüchtlingsdebatte lesen Sie in unserem Dossier.

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