Analyse Region Güstrow : In Groß Lantow schlägt die AfD alles

Wie die neue Protestpartei in der Region abgeschnitten hat

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30. September 2017, 05:00 Uhr

Das Phänomen dieser Bundestagswahl – der kometenhafte Aufstieg der selbsternannten Alternative für Deutschland. Wobei unterstellt werden kann, dass für 87 Prozent der Deutschen das Strahlen dieses „Kometen“ eher schmerzhaft ins Auge brennt. Und schief ist das Bild ohnehin: Kometen steigen nicht auf, ziehen im besten und Regelfall vorbei, oder stürzen gelegentlich auch mal herab – und hinterlassen verbrannte Erde...

Ob die AfD einer der natürlichen Formen von Kometenerscheinungen folgen wird und welcher, lässt sich heute noch nicht mit Bestimmtheit vorhersagen. Ein Phänomen im gut verstandenen Sinne ist sie in unserem lokalen Einschlagsgebiet auf jeden Fall. Zunächst: Meckpom darf unter den inzwischen als radikal verschrienen Ostlern noch als „gemäßigt“ gelten. Nirgendwo auf früherem DDR-Gebiet, Berlin einmal ausgenommen, wurde so wenig AfD gewählt wie hierzulande. Dennoch liegen 18,6 Prozent Stimmenanteile für die Rechtspopulisten in MV auch deutlich über dem Bundesdurchschnitt. Und in der Region Güstrow, dem Alt-Alt-Kreis?

AfD in drei Wahlbezirken Wahlsieger

Zunächst: Die Wähler unserer Region, gemeint sind hier die Geschlechter in ihrer Gesamtheit, heben den Landesdurchschnitt pro AfD. Und zwar in jedem einzelnen Wahlbezirk, also in jedem Wahllokal. Eine einzige Ausnahme bilden die Briefwähler im Amt Güstrow-Land. Jedoch lässt sich der konkrete Wohnort eines Pro-AfD-Briefwählers im Amtsbereich nicht lokalisieren. Naturgegeben ist die Tendenz nicht.

Ganz in der Nähe, in einem Wahlbezirk in Baumgarten, bekam die AfD „nur“ 10,2 Prozent, in einem in Bernitt gar nur 9,2 Prozent. Dagegen sticht Dolgen Am See mit dem Wahlbezirk Groß Lantow genau andersherum heraus: Hier lebt mit 31,8 Prozent die Spitzenwählerschaft der AfD in der Region Güstrow. Mit etwas Abstand folgen Hoppenrade (28,5 Prozent) und mit 27,7 Prozent Lalendorf 1, also das Wahllokal im Verwaltungsgebäude. Und in genau drei Wahlbezirken konnte die AfD sogar als Wahlsieger abschneiden: im Güstrower Wahllokal in der Wossidloschule, in Hoppenrade mit gleich hohem Stimmenanteil wie die CDU, und in Groß Lantow. Krass: Im zweiten Stimmbezirk von Dolgen am See, Sabel, hat die AfD mit 15,5 Prozent nicht einmal die Hälfte dieses Zuspruchs.

Briefwähler tendenziell politisch korrekt

Aber generell gilt: Briefwähler stehen künftig unter Verdacht, als tendenziell „politisch Korrekte“ zu erscheinen. Deren Differenz zu den Sonntagswählern ist jedenfalls sehr augenfällig: In allen Briefwahlbezirken hat die AfD deutlich weniger Prozentpunkte bekommen. Das könnte ein Hinweis auf die vor den Wahlen so häufig beschriebene Gruppe der noch unsicheren Wahlberechtigten sein: Wer sich schwer tut mit der Wahl, wird nicht ohne Not vorzeitig seine Stimme vergeben wollen. Das würde die Frage aufwerfen, was in den letzten Tagen vor der Wahl „Unentschiedene“ veranlasst haben mag, ihr Kreuz an Liste 4 zu vergeben. Einem besonderen Wahlkampffleiß der dort verorteten Kandidatin kann man das wohl kaum in die Schuhe schieben. Wer kennt sie schon, außer von Wahlplakaten? Dass neben der entscheidenden Zweitstimme für das Konto der neuen Protestpartei auch die Erststimme, also die Personenwahl, mit fast den gleichen Prozentanteilen an eine völlig Unbekannte vergeben wird, das gehört auch zu den Phänomenen dieser Bundestagswahl.

Kommentar der Autors: Wahlkampf ’19 eröffnet

Die lokale Relevanz des AfD-Phänomens werden wir 2019 erleben. Aktuell sitzen in den Gemeindevertretungen in den Ämtern Güstrow, Laage, Krakow und in der Kreisstadt genau Null Vertreter der AfD. Bei den Kommunalwahlen 2014, nachdem die AfD nur ein Jahr zuvor schon mit 4,7 Prozent nur knapp am Bundestagseinzug gescheitert war, mochte in den Dörfern gar niemand unter dem nationalistenblauen Logo kandidieren. Das wird sich vermutlich ändern. Mit dem Wissen einer durch jede achte Wählerstimme salonfähig gemachten Fraktion im Reichstag hinter sich, werden sich jetzt auch in den Dörfern und Stadtteilen die Protagonisten hervorwagen, die der AfD lokale Gesichter geben.


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