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Flucht : In Friedenszeiten vertrieben – es schmerzt

vom
Aus der Redaktion des Güstrower Anzeiger

Hals über Kopf musste Familie Eggers 1952 das DDR-Grenzgebiet verlassen

„In Friedenszeiten von Haus und Hof vertrieben zu werden, das ist für mich bis heute ein brutaler Akt, unbegreiflich“, sagt Kurt Eggers aus Woland. 1952 musste die Familie ihren Bauernhof in Nostorf im DDR-Grenzgebiet Hals über Kopf verlassen. „Als Ungeziefer wurden wir deklariert“, erzählt der heute 79-Jährige. Es sei eine Beleidigung, die ihn heute noch schmerzt.

„Fast täglich hört man von Flüchtlingen. Horst, wo es heute die zentrale Aufnahmeeinrichtung gibt, war nur einen Steinwurf von unserem Zuhause entfernt“, berichtet Kurt Eggers. Auch die SVZ-Serie Flucht, Vertreibung, Neuanfang verfolge er mit Interesse. Nun wolle er auch seine Geschichte von Vertreibung erzählen.


Lkw rollte um vier Uhr auf den Hof


Nostorf war ein Großbauerndorf. Die Familie lebte dort mit sechs Kindern. Die Mutter kümmerte sich um die Landwirtschaft, der Vater – ein Seefahrer – war im Krieg, kehrte heim. Alles lief irgendwie. Näher an die Grenze, wo man zuvor noch Heu gemacht hatte, durfte man nicht mehr. An einem Junitag 1952 um die Mittagszeit kam die Nachricht, dass man am nächsten Morgen raus müsse. Möbel, die tragbar seien und einen halben Waggon füllen, könnte man mitnehmen. Kurt Eggers war 15. „Morgens um vier Uhr fuhren die Lkw vor. Die kasernierte Volkspolizei bewachte die Aktion“, erzählt er. Anfangs hätten die Kinder es noch irgendwie wie ein Abenteuer gesehen. „Aber als wir vom Hof fuhren wurde uns doch mulmig. Keiner wusste, wohin es gehen würde. Nach Sibirien?“, fragten sich Kurt Eggers und die anderen. In Brahlsdorf wurden Menschen und Möbel in Waggons verfrachtet. Auf dem Güterbahnhof in Güstrow standen wieder Lkw bereit. Jetzt erst habe man erfahren, dass es nach Hohen Sprenz geht. Dort habe der Lkw auf dem Hof von Bauer Harder gehalten.

„Wir haben die Wirtschaft auf Vordermann gebracht. Der Bauer war letztendlich ganz froh und wir waren kein Ungeziefer mehr“, erinnert sich Kurt Eggers. Der Vater aber habe mehr gewollt. So übernahm er als Bewirtschafter einen Bauernhof in Kankel. Als der große Bruder an Tuberkulose erkrankte, gab man diesen auf. „Diese verfluchte Lungenkrankhei“, sagt Kurt Eggers. Einer seiner Brüder hatte sie aus dem Krieg mitgebracht. Dieser und ein weiterer Bruder waren schon in den 1940er-Jahren daran gestorben. „Zuerst die Kinder verlieren, dann Haus und Hof. Meine Mutter war daran zerbrochen“, sagt Kurt Eggers. Viele Jahre sei es für sie unerträglich gewesen, nicht ans Grab der Kinder in Nostorf gehen zu können.


Mit Kollektivierung nochmals alles verloren


Die Familie kaufte ein Siedlungshaus in Dudinghausen, wo sie heute noch wohnt. Mit der Kollektivierung der Landwirtschaft in der DDR habe man wieder alles verloren. „Wir wollten nicht in die LPG Typ 3, aber am Ende blieb uns nichts anders übrig“, resümiert Kurt Eggers. „Mein Vater war ein Kämpfer“, berichtet der 79-Jährige. Immer wieder sei er bei den DDR-Oberen angeeckt. Einmal – es war noch in Nostorf – hatte man ein Schwein schwarz geschlachtet, später einmal Mohn gedroschen und zurückgehalten. Man hätte damals fast alles abliefern müssen. „Wer weiß das heute noch?“, fragt sich Kurt Eggers. Der Vater sei im Rentenalter in den Westen gegangen, wo viel Verwandtschaft wohnte. Überhaupt seien viele, die an jenem Junitag 1952 zusammen mit den Eggers aus dem DDR-Grenzgebiet vertrieben wurden, über Berlin in den Westen gegangen. Eggers blieben. Für anfangs 2,50 Mark die Stunde arbeitete Kurt Eggers in der LPG Dudinghausen im Feldbau. Dann war es die LPG Hohen Sprenz, später die Kooperativ Abteilung Pflanzenbau (KAP) Kritzkow und später arbeitete er auf dem Jugendwerkhof in Friedrichshof. Mit der Wende verlor er seine Arbeit und erinnert sich an eine schlimme Zeit mit ABM. Mit 58 Jahren ging er in den Ruhestand.


Alte Heimat heute nicht mehr relevant


Viel Energie und Geduld habe es ihn und seine Geschwister gekostet, den Bauernhof in Nostorf zurückzubekommen. „Das Haus war kaputt, die Scheune in einen Schweinestall umgebaut und die Eichen vor dem Haus waren weg, “, erinnert sich Kurt Eggers an seine erste Rückkehr nach Hause. Er habe alles verkauft, wollte nichts mehr damit zu tun haben. Selbst das sei ein Krampf gewesen. „Am Ende mussten wir noch einen Kredit, den mein Opa über 5000 Goldmarkt aufgenommen hatte, zurückzahlen“, erzählt Kurt Eggers. Er ist in Woland zu Hause. Die alte Heimat sei für ihn „nicht mehr relevant“, ihr nachzutrauern nicht sein Ding.

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erstellt am 29.Okt.2016 | 05:00 Uhr

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